Der Druck

Hier ist der Grenzbereich. Das Ende der Fahnenstange. Fünf vor zwölf. Drei Schritte vorm Abgrund. Kurz bevor sich zwei Drähte berühren, die eigentlich besser nichts miteinander zu tun hätten. Die angespannte Stimmung deutet es an. Der anschwellende Soundtrack im Hintergrund. Ein kurzes Zucken des Augenlids. Händereiben. Gleich knallt es. Gleich ist der Ofen aus. Gleich ist Apokalypse. Wenn mich der gesunde Menschenverstand, die Vernunft, nicht wieder kurz vorher aufhalten. Aber die Urteilskraft schwindet. Zehn Schritte gen Explosion, neun zurück. Jedesmal. Irgendwann gibt es kein zurück mehr. Jedes aufhaltende, tiefe Durchatmen ein Menetekel. Irgendwann platzt mir der Arsch.

Als hätte man es nur mit Schwachsinnigen zu tun. Jeder denkt gerade nur so weit er spucken an. Und ihr König spuckt gar nicht. Große Reden ohne Substanz. Ständiges Beschließen von Himmelfahrtskommandos und ernsthafte Überraschung, wenn mal wieder alle Draufgehen. Wahnsinn in Tüten. Tüten aus Unzurechnungsfähigkeit. Aus Unwissen und blanker Phantasie. Unrealistische Fragestellungen im Kinderbuchbereich. Allen Argumenten unzugänglich. Kein Wunder, wenn schon das Grundkonzept von Zeit und ihrer Befüllbarkeit mit Aktivitäten ernsthafte Verständnisschwierigkeiten hervorbringt. Wie ein Shampoomodel kommt man sich vor. Wegen des ganzen Kopfgeschüttels. Auch innerlich. Oft innerlich. Wahrscheinlich zu oft. Der Mißmut staut sich an. Fräst an den Organen. Der Konstitution. Der Stimmung. Der Vernunft. Der Druck steigt. Irgendwann brechen die Dämme. Irgendwann platzt mir der Arsch.

Alkohol als Fluchtoption, als Versteck, als Mantel, ist ausgeschlossen. Das engt die Möglichkeiten etwas ein. Sport vielleicht. So richtig auspowern. Schlaff zusammensinken. Leider steht dem ein fettleibiges Motivationsdefizit gegenüber. Und die Zeit fehlt auch. Auch ohne Turnen bleibt kaum Gelegenheit den Hirnstrom mal auf Normalnull zu fahren. Die Gedanken zu ordnen, ihnen zu zuhören. Immer mehr lose Enden. Verzwirbeln sich. Verschränken sich. Verwickeln sich. Verwirren mich. Selbst Schlaf weiß nicht zu retten. Zerfetzte Träume in kurzen Stunden. Eingeengt in Schema F. Schon wieder wach. Schon wieder nagende Gedanken. Nur kurz mit Humor verkleidet. Maskiert. Aus den Augenschlitzen strahlt jedoch der Schrecken. Entkommen, Flucht, nicht eingeplant. Das geht jetzt immer so weiter. Für immer. Vermutlich. Die innere Stimme immer im Bass. Hilflos tiefe Atemzüge. Verständnis Fehlanzeige. Lichtblicke nur in Wind und Nebel flackernde Kerzenscheine. Irgendwann gehen sie aus. Irgendwann wird es dunkel. Zappenduster. Irgendwann platzt mir der Arsch.

Oder ein Blutgefäß im Hirn. In der Nähe des emotionalen Zentrums. Willenloses Geschrei gäbe es dann. Bar jeder Vernunft. Oder Zweifel. Sprudelnde Verzweiflung. Irre Äußerungen in wirren Worten. Die Zunge stolpert im Maschinengewehrfeuer der befreienden Schreie. Die Stimme überschlägt sich. Tränen mitunter. Weil alles so ziellos, sinnlos, ja kopflos vorangetrieben wird. Ohne Struktur und Plan und Checklisten. Für Kunst äußerst wünschenswert, für Geschäftliches tödlich. Wir schaffen hier keine Kunst. Schön wäre es. Wir schaffen ja nicht einmal das Geschäftliche. Weil keiner den Überblick hat oder halten kann. Alles punktuelle Bauchentscheidungen. Je nachdem was gerade in der Zeitung stand oder am Straßenrand zu lesen war oder der Schwippschwager der Nichte eines Freundes erzählt hat. Heilloses durcheinander.

Ein Biotop für die, die es sich leisten können immer knapp unter dem Radar durchzusegeln. Sie müssen keine Verantwortung übernehmen. Keinen Teamgeist entwickeln. Nur selbst den Arsch an die Wand kriegen. Wer dieses Privileg nicht hat, in ständigem Funkkontakt mit dem Tower steht, ist angeschissen. Big Time. Muß mitdenken für zwei, drei, zehn Andere. Jedes Detail verinnerlichen. Immer eine Antwort haben. Alles wissen. Auch von Dingen mit denen er eigentlich gar nichts zu tun hat. Nichts darüber wissen sollte. Interessiert aber keinen. Im Gegenteil. Die ganzen Operation wird auf wenigen Schultern verteilt. Zum Scheitern verurteilt. Versagen dennoch mit Überraschung begrüßt. Man solle sich mehr Mühe geben. Länger am Ball bleiben. Privates für ganz später aufheben. Entrüstung beim Gedanken an Freizeit. Andere Aktivitäten. Obwohl die ohnehin schon kontaminiert sind. Durchsogen von Hintergrundrauschen. Angst. Der Unvermeidbarkeit ihres Endes. Ein Ende ist nicht in Sicht. Zumindest bis die zwei Kabel unterm Pony sich berühren. Ein Aufstand angezettelt wird. Die Bombe hochgeht. Der Geduldsfaden reißt. Mit lautem Knall. Irgendwann schreit es Zeter und Mordio. Irgendwann fallen die Masken. Igendwann ist die Scheiße am überkochen. Irgendwann platzt mir der Arsch.

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