Der Besucher

mylo_1

Wenn ein Freund in Not dich fragt, ob er mal eine Nacht auf deiner Couch pennen kann, überlegst du nicht lange. Wenn besagter Freund noch nicht einmal selbst fragen kann, wir nehmen zu seinen Gunsten mal Bescheidenheit und den Wunsch nicht zur Last zu fallen an, und seinen Erziehungsberechtigten vorschickt, sagst du erst recht „Ja!“. Ohne groß nachzudenken. Auch über die Komplikationen. Tagsüber ist er ja immer ein ganz dufter Typ, was könnte da nachts schon groß anders sein? Einiges, wie sich rasch zeigte.

Samstag am Vorabend schrillt die Türglocke mit ihrem nervensägenden Kratzen. „Da sind sie also endlich“, denke ich in einem beeindruckenden Akt von Hellsichtigkeit. Nun gut, nicht ganz so beeindruckend, wenn man weiß, daß ich schon seit zwei bis drei Stunden auf die Läutenden warte und vor wenigen Minuten per Mobilfunk über ihr baldiges Eintreffen informiert wurde. Aber auch diese Ereignisse muß man kognitiv erst einmal miteinander verweben können. Ansonsten würde man die Wohnungstür nämlich nicht so direkt mit einem breiten Lächeln öffnen, wie ich es nun tue. Ein Lauschen ins Treppenhaus verrät, daß der Aufstieg begonnen hat. Ich höre, wie mein Freund aufgeregt schwer atmet. Seine Füße klackern auf dem Stufenbeton. Etage um Etage windet er sich höher und seine Aufgeregtheit überträgt sich schon auf mich. Schon biegt er laut schnaufend um die letzte Ecke, erkennt mich und beginnt mit dem Südpol zu rotieren. Dank mangelnden Gedächtnisses ist die Überraschung für ihn merklich größer.

Er hat seine Eltern mitgebracht, die sich nun des ordnungsgemäßen Zustandes der Unterkunft versichern. Man reicht mir Näpfe und kleine Köstlichkeiten. Rasch weise ich auf den schon am Morgen erfolgten Kauf der guten „Frolic Django Knochen“ hin. Eine Mahlzeit für echte Männer. Laut Beschreibung auf der Verpackung, zumindest für solche, die gern mit ihrer Nahrung „hinter dem Sofa ringen“. Von mir aus. Wenn er es von der Wand abgerückt bekommt.

Unterdessen erhalte ich letzte Pflegehinweise. Mein Vorschlag den Kollegen doch später einmal spaßeshalber aus dem Bett zu schubsen, war schon am Vortag mit dem Hinweis auf ein Magenverdrehen zurückgewiesen worden. Dieser Hinweis wird mir in der Nacht noch Kopfzerbrechen bereiten. Ansonsten ist der junge Mann nicht besonders anspruchsvoll. Und man kennt sich ja von der täglichen Zusammenarbeit. Ich reiche ihm also den ersten „Django“, um die Abreise der Überbringer zu verschleiern. Sie nehmen wohl an, daß ich das schon hinkriege und enteilen, um die Nacht zum Tage zu machen und am anderen Tage zur Abholung wiederzukehren. Der Zurückgebliebene und ich machen es uns erst einmal bequem.

mylo_2

Schmatzend liegt er zu meinen Füssen und nagt an der Rinderspezialität. Etwa fünf Minuten ist er so beschäftigt und bemerkt erst dann, daß wir allein sind. Leichte Irritationen bilden sich. „Was hat das zu bedeuten?“ scheint er sich zu fragen. Nach kurzer ergebnisloser Suche, beginnt er leise zu quietschen. Da dadurch aber auch kein Erziehungsberechtigter aus dem Unterholz gelockt werden kann, legt er sich hinter die Wohnungstür und wartet. Ich habe mich inzwischen auf das Bett begeben und den Fernseher eingeschaltet. Ich kann Kamerad Quietschkommode von meiner Position mit ein wenig Verrenkung sehen, und er tut mir fast leid, wie er da auf dem kalten Boden liegt. Meine Versuche die Bequemlichkeit des Bettes durch gutes Zureden und Getätschel der Matratze deutlich zu machen, scheinen fruchtlos. Er schaut mich nur mit seinem üblichen halbleeren Blick an. Dann klickt es wohl doch, manchmal sind seine Leitungen eben etwas länger, und er kommt bedächtig auf mich zu. Das Gummigesicht schaut mich etwas fragend an. Dann springt er neben mich auf das Schlafgestell und läuft hinüber zur anderen Seite. Dort setzt er sich auf den Rand und schaut aus dem Fenster. Draußen ist es dunkel und wir sind in der dritten Etage. Man sieht also maximal die Umrisse, der im Wind schwankenden Baumkronen. Das ist ihm aber egal. Er hält Wache.

Nach einer Weile bemerkt er, daß ich ganz unaufgeregt neben ihm liege und das Schauspiel in der Glotze verfolge. Ihm fällt nun wohl auf, daß er das auch ganz gut kann: liegen und schauen. Und so tut er es mir gleich. Ungefähr auf Höhe meiner Knie rollt er sich gemütlich zusammen und atmet schwer aus. „Das Leben ist schon anstrengend für mich“, scheint dieses Pusten jedesmal zu sagen. Zugleich strahlt es Entspannung und Gelassenheit aus. „Ach Sergeant Schnyphilis“, raune ich ihm lächelnd zu, „du mit deiner ansteckenden Ausruhmentalität“. Ich rutsche etwas tiefer in die Kissen.

Wir liegen also eine Weile so rum und folgen, der eine mehr, der andere weniger, den Ereignissen im Schlafstubencinematographentheater. Eigentlich könnte der Abend so geschmeidig ausklingen und elegant in Nachtschlaf übergehen, wenn alle von uns in der Lage wären die sanitären Einrichtungen zu benutzen. Blöderweise ist mein Kumpel zur Verrichtung seiner Notdurft aber auf Busch- und Blattwerk angewiesen und beides ist innerhalb der Wohnung nur sporadisch anzutreffen. Stöhnend erhebe ich mich also noch einmal und bekleide mich witterungskonform. Ich gürte seinen Hals und verbinde uns über eine stabile Leine. Dann geht es auf.

Und hach, was ist das für ein Spaß. Ganz aufgeregt riecht er an diesem und jenen, schließlich war er hier ja noch nie, und atmet dabei schwanzwedelnd beinahe einen halben Ameisenhaufen ein. Fleißig wird die Gegend markiert. Hätte er Daumen, könnte er mit dem Sprühen von Grafittis beginnen. Fröhlich winkt er dem Abend aufgeregt mit der Rute. Im Halbdunkel schmunzele ich ihn und seine Freude an. Auch mir wird dann rasch ein Grund zur Begeisterung gegeben. Mithin eine der besten Eigenschaften meines Freundes ist nämlich, daß er zwar das gemütliche Gemüt einer Katze hat und außer den höchsten Momenten des Spieles keinerlei Aggressivität kennt. Gleichzeitig ist er aber etwa 40 Kilogramm Muskelmasse in Fell gepresst und macht den Anschein als könne er dich ohne größere Anstrengung in handliches Fleischkonfetti zerlegen. Aus diesem Grund gestaltet sich das Gassi gehen in etwa als hätte man Moses an der Leine und die Mitpassanten wären das rote Meer. Ruckzuck werden Straßenseiten gewechselt und Bushaltestellen zur Deckung betreten. Als hätte ich einen hechelnden Schneepflug für Menschen dabei. Ganz großes Tennis. Ich tätschele ihn grinsend und er schaut nur kurz fragend zu mir hoch. „Lass mal, ich muss schnüffeln“ heißt das wohl und ich lasse ihn.

mylo_3

Nachdem ich noch zum ersten Mal in den Genuß gekommen bin Kot mit meiner Beutelhand aufzulesen und in einen Mülleimer zu verfrachten, gehen wir wieder hoch. Kurz muß ich an die Frau denken, die ich vor einiger Zeit im vorübergehen belauschte. Sie sagte nämlich zu ihrem Gesprächspartner, daß sie auf keinen Fall einen großen Hund haben wolle. Schließlich könne sie dieses ja nicht die Treppe hochtragen, wenn er mal etwas am Fuß hätte. Damals fand ich das beschriebene Szenario recht weit hergeholt, heute bin ich froh, dass Kollege Quadratgesicht selbstständig den Aufstieg meistert. Oben noch ein kurzer Snack, dann hauen wir uns in die Federn. Damit er sich nicht so einsam fühlt, habe ich zwei Bücher zum Vorlesen herausgesucht. „Irgendwas mit Hunden“, dachte ich mir, damit er sich in der Geschichte wiederfindet. „Cujo“ von Stephen King scheint ihm dann aber doch zu gruselig. Und so erfahren wir dann wie Oskar der Elefant „Die Konferenz der Tiere“ einberuft, weil die Menschen nur an Krieg denken und nicht an Kinder. Wir sind beide ganz begeistert und werden dennoch schläfrig. Anfangs liegt er zu meinen Füßen. Im Laufe der Nacht robbt er sich aber immer weiter nach oben und am Morgen wachen wir praktisch Wange an Wange auf. Obgleich ich auch in der Nacht selbst schon mehrmals wach war. Dank des Gespräches am Vortag befürchtete ich nämlich ständig, dass er aufgrund eigener Doofheit aus dem Bett fällt und sich dabei den Magen verdreht. Und dann schleppe so einen Kaventsmann mal zum Tierarzt. Mein lieber Herr Zuchtverein. Aber zum Glück ging alles gut.

Wir schälen uns also aus den Federn und inspizieren, während der Kaffee kocht, erneut die Umgebung zwecks Erleichterung. Dann frühstücken wir und machen, was so einem Sonntag gut zu Gesichte steht: Faulenzen. Ein richtiger Wettbewerb entsteht. Wer kann sich besser strecken und entspannt quietschen? Zwischendurch, zur Auflockerung, schauen wir ringsherum aus allen Fenstern. Das finden wir toll, weil wir drinnen im Warmen sind, aber sehen können, was draußen im Kalten abgeht. Dann wieder schnarchen und schmatzen. Gegen Mittag wird er abgeholt, was mit großem Gewedel begrüßt wird. Da seine Gesichtsform beim Essen die halbe Küche unter Wasser gesetzt und mit Futter verziert hat, mache ich erst mal sauber und denke dabei lächelnd an unseren schönen Abend zurück. Wir sehen uns, Keule.

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.