Der Bauchnabel

Der Bauchnabel

Begibt man sich auf eine Reise vom Herzschlag zur Fortpflanzungszentrale, so wird man unweigerlich das weite Abdominalareal durchstreifen. Genau in dessen Mitte liegt, schamhaft fast verborgen, der Bauchnabel versteckt. Wie wundersam wäre es, könnte er, wie einst, erneut ein Eingang sein. Ein Zugang mitten zum Bauchgefühl, zu den Schmetterlingen. Eine Öffnung zu Organen aller Arten, eine phantastische Pforte zur Intuition. Ein Portal zu Emotionen und Gedanken, die Einfahrt zur Einfalt. Mit weiten, übervollen Augen müsste man reisen, da vieles, so vieles, zu erblicken wäre.

Der Bauchraum weniger Raum denn Halle. Kolosseum beinahe. Geräumig und scheinbar uferlos ausgedehnt. Geburtsort von Schabernack und Juxen. Heimstatt von Firlefanz und Tändelei. Wo immer lauer Frühlingswind pfeift und manchmal ein Bohnengericht. Wo glucksen und grummeln und knurren zum Geschäft gehört. Wo alle aussehen, wie schon einmal gegessen. Wo sich Ideen zum Setzen sammeln und Gedanken mit der Konfitüre des Frühstücks parlieren. Wo die Milz ihre Joggingrunde hat. Aber nur an Tagen, in deren Namen kein „r“ vorkommt. Dann hastet sie hier entlang mit ihrem weißen Stirnband und den passenden Schweißbändern am Arm. Die spindeldürren Beinchen in fleischfarbene Leggings gefädelt, die bei jedem Schritt schlabbern. Der hurtige Gang dennoch irgendwie von getragener Schönheit, als dränge und sänge aus den abgenutzten Kopfhörern Orgelmusik. Regelmäßig und schwer rasselt der Milzatem dann. Schaute man nicht hin, könnte man glauben hier zöge eine kleine Dampflok ihre Runden durch die Innereien.

An der Decke hängen derweil die Bauchmuskeln, in einer Mischung aus Angespanntheit und Inexistenz, und johlen den Vorbeikommenden anzügliche Auszüge hinunter. „Hallöchen Popöchen, du scharfe Gallenblase!“, rufen sie, „Bei mir könntest du gern mal den Fettstoffwechsel überprüfen!“. „Ey, Püppi!“, schreien sie weiter, „War dein Vater ein Hippocampus? Denn du gehst mir nicht mehr aus dem Kopf!“. „Kuckuck meine Schöne!“, ebbt ihr vulgäres Gebaren schließlich ab, „Du bist wohl Bauchspeicheldrüse geworden, weil einem bei deinem Anblick das Wasser im Mund zusammenläuft.“. Insgeheim hat man sich eigentlich abgesprochen, die Bauchmuskulatur nicht weiter zu beachten und sie so nicht zu bestärken. Ein Geistesblitz auf Durchreise weiß davon aber nichts und ruft angewidert zu ihnen hinauf: „Besonders smart sind eure Sprüche aber nicht, was?“. Derartig angepflaumt zu werden ist den so Adressierten vollkommen fremd und sie reagieren erbost: „Natürlich sind die nicht smart. Aber wir sind hier ja auch nicht als Smarties engagiert, sondern als Ausscheidungsunterstützer. Und nun schleich dich, du Wirsing.“ Das hat gesessen. Der Geistesblitz eilt mit hochrotem Kopf weiter und es ist Ruhe im Karton.

Angespannte Ruhe sogar. Dem statisch elektrischen Knistern der Luft vor einem Gewitter nicht unähnlich. Als zöge ein Sturm auf. Oder schlimmeres. Schon schwellen, wie auf Geheiß, Xylophontöne an. Und Schellen und Becken und Pauken. Und links hinter der Leber hervor zeichnet sich die anwachsende Silhouette eines ganzen Spielmannszuges ab. Zeit für die große Quartalsparade. Vierteljährlich abgehalten wird eine Viertelstunde lang vier Mal im Kreis marschiert und lautstark das Leben besungen. Wie üblich sind alle dabei und haben sich etwas unwirsch hinter den Musikanten eingereiht.

Den Anfang machen die Gefühle. Ein bunter Gemischtwarenladen von Unzurechnungsfähigen. Schäumende Wut, dieser Tage recht abgemagert, marschiert dort neben lichtdurchfluteter Fröhlichkeit, die so enorm ist, daß die Sonne beinahe aus dem Arsch scheint. Leichtfüßig trippeln Gelächter und Liebe hinterdrein, denen sich, auf Rollatoren gestützt, Verzweiflung und Einsamkeit anschließen. Nun kommt eine Ananas angegurkt, von der niemand so wirklich weiß wer sie ist und was sie hier zu suchen hat. Aber keiner sagt etwas, man ist zumeist gastfreundlich. Als nächstes erscheint ein Kannibalentrio, welches wohl auf Jagd in den Nierensteinminen war, und nun hübsche gehäkelte Zwerchfellmützen trägt. Sonst nichts. Nicht mal Verantwortung. Rostig und quietschend folgt ihnen ein alter Kompressor, der irgendwie nicht mehr derselbe ist, seit keiner mehr schlüpfrig zwinkert und in verschwörerisch widerlicher Manier sagt: „Fett? Ich bin doch nicht fett. Das ist der Kompressor für den Presslufthammer.“. Den Abschluß bilden die Schmetterlinge. Hellblaue Emotionsindikatoren. Eigentlich kommen sie nur heraus, wenn den Augen die Augen übergehen oder rationales nicht mehr ausreicht, um die Gedankenlage zu umreißen, aber heute möchten sie auch gern Teil der Parade sein. Sogar die fünf eher grünlich gefärbten, die an anderen Tagen in ekelhafter Eleganz Prüfungsangst und Nervosität an die Gedärme zeichnen, indem sie sich recht spektakulär übergeben. Heute scheint derlei nicht zu befürchten zu sein. Heute sind allesamt frohgemut.

Und so dreht die illustre Prozession ihre vier Runden. Vorn schalmeit es, hinten flattert es und dazwischen liegt auch so einiges im Argen. Den Zuschauern jedoch gefällt es. Zwar ist man in diesen Breiten auch an anderen Tagen Tumult und Aufruhr gewöhnt, doch wenn gemeinsam in Einigkeit paradiert wird, ist es immer ein besonderer Festtag. Und obgleich so viel passiert und an jeder Ecke und an jedem Ende abstruse Gestalten ihr karges Dasein fristen, hat man dennoch kaum die unaufhörliche Weite dieser Tiefen erschaut. Die große Vielfalt dieses magischen Ortes, an dem sich die Logik zum Sterben niederlegt und das Bauchgefühl mit sanfter, aber fingerfarbenbekleckster, Hand regiert. Dieser sagenhafte Platz unbekannter Ausmaße, den man wahrscheinlich nicht einmal dann erforschen und verstehen könnte, wenn der Bauchnabel wieder ein Eingang, ein Zugang, ein Portal, eine Öffnung zum Uferlosen wäre.

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