Der 8. Zwerg

Der 8. Zwerg

Es war einmal zu einer Zeit, da es Smarties nur in zwei verschiedenen Farben, schwarz oder weiß, gab und wilde Einhörner noch stolz und frei die Taiga durchtrabten, daß eine besondere Schicksalsgemeinschaft geschmiedet ward. Und wenn auch der Ursprung dieser munteren Truppe Freud und Leid zu gleichen Teilen schien, war ihr ein sorgenfreies Ende aller Tage vorbestimmt.

Recht abgelegen, hinter sieben etwa mittelgroßen Bergen, stand mitten im Wald eine etwas windschiefe Behausung. Es schien beinahe, als hätten alle rechten Winkel sie gleichzeitig verlassen, um ihr Glück in der großen Stadt zu suchen. So bediente das Haus sämtliche Vorurteile und Bilder, die einem so einfallen, wenn man das Wort „baufällig“ hört. Links knarzte die Hütte, hinten knackte sie und das löcherige Dach konnte sich nur mit viel Willenskraft der Gravitation entgegen stemmen. Längst hatten kraftvoll grüne Triebe, Kinder und Enkel der umstehenden Bäume, begonnen das Gebäude wieder in ihre Mitte zu absorbieren. An allen Ecken und Enden rankten sie, nach anfänglicher Vorsicht, putz und munter an den maroden Wänden empor. Es schien nur eine Frage der Zeit zu sein, bis ein fideles Bibergelege vom Knall des zusammenfallenden Hauses unsanft aus dem Nachmittagsnickerchen gerissen würde.

Nichtsdestotrotz drang aus den milchigen Aussparungen, welche einstmals wohl Fenster gewesen waren, ein warmer, glühender Schein. Ein oranges Flackern, das die überraschende Anwesenheit von Bewohnern verhieß. Gerade erst war der blutrote Abend zur Nacht geronnen und die Waldtiere hatten die Schichtübergabe hinter sich gebracht. Noch etwas mürrisch und schlaftrunken stimmten Uhu und Nachtigall ihre Kehlen ein, so daß zwischen Kiefern und Eichen und Linden noch weiche Ruhe lag. In eben diese fiel nun aus dem Hause ein Klappern und Klirren ein. Ein Crescendo aus Stimmen gesellte sich dazu. Unvermutete Geschäftigkeit, welche selbst der fahle Lichtschein aus dem Inneren kaum hatte vermuten lassen. Wortfetzen entfleuchten aus den Ritzen der rissigen Wände. Pfiffe und halbe Noten gesellten sich dazu. Kaum ließ sich sagen wieviele Personen in der Hütte waren. Es mochten zwei oder zwanzig sein. Vielleicht sogar zweiundzwanzig. Spitze Kinderstimmen, die sich in anschwellender Aktivität ergingen. Mittendrin in Tumult und Geplapper und Geklapper plötzlich der durchdringende, dreieckige Klang einer Triangel. Essenszeit.

Im Inneren des Hauses hatten sich seine Bewohner geschwind um einen schweren Eichentisch versammelt. Wie bunte Lampions reihten sich ihre spitzen Mützen um die Tafel. Erwartungsfroh saß einjeder vor seinem Tellerchen und Schüsselchen und hoffte auf sein Lieblingsessen. Wie immer hatte keiner ein solches Glück, was irgendwie sogar den Koch überraschte. Er hieß Samuel und war schon etwas vergesslich, weil er der zweitälteste war. Er kratzte sich am blauen Hut und fragte sich verwundert, warum es wohl schon wieder Wurzelpamps mit Mischgemüse gab. Da ihm keine Antwort einfiel, nahm er einfach die Gabel und begann leise schmatzend zu essen. Ihm gegenüber saß, ganz in orange gekleidet, sein Bruder Svenbert. Er war für die dekorativen Aspekte des Lebens verantwortlich und hatte in der Mitte des Tisches eine einsame Gänseblume in einer kleinen Vase platziert. Daß seine Bemühung unbemerkt geblieben schien, stimmte in etwas verdrießlich und grummelnd begann auch er zu essen.

Nebendran saß noch mürrischer und noch verstimmter Ludwig. Im ganzen Walde schien es keine Laus zu geben, die ihm noch nicht über die Leber gelaufen war und seine khakifarbene Kleidung schien herauszuschreien, daß er ohnehin alles kacke fand. So mißmutig stocherte Ludwig in seinen Erbsen herum, daß man beinahe annehmen konnte er hätte grün bepinselte Hasenverdauung auf dem Teller. Laut stöhnend und mit der Miene des Besiegten piekste er irgendwann ein paar Erbsen auf und führte sie sich widerwillig zum Mund. Auf der gegenüberliegenden Seite des Tisches saß passenderweise der erbsengrün gekleidete Achim. Er war als leidenschaftlicher Gärtner und Hobbyzoologe praktisch auf Du und Du mit Mutter Natur. Bewundernd streichelte er den Glanz der kleinen Karotten mit seinem Löffel. Achim sprach nicht viel, und wenn dann meist nur mit seinen Petunien. Mit offenem Mund fragte er sich, ob gekochte Petunien wohl auch so glänzen würden, wischte den Gedanken aber schnell wieder weg.

8Dwarves_2nd

Ganz am Ende des Tisches saßen links und rechts die beiden Timmys. Bei ihrer Geburt hatten die Hebammen die Mutter gefragt, welche Namen sie sich für die beiden stattlichen Jungens ausgesucht hatte und sie hatte nur genervt zurückgeschaut: „Schon wieder Jungs? Ein Mädchen wäre auch mal ganz nett gewesen. Ich hatte schon begonnen ein Tutu zu häkeln. Und jetzt das. Ich weiß auch gar keine Jungennamen mehr. Nennen wir sie einfach beide Timmy“. Gesagt, getan. Die beiden Timmys sahen heute in ihren Kutten in rot und gelb aus wie eines dieser Vorher/Nachher-Bilder, welches man nachts in Teleshoppingsendungen für elektrische Bauchweg-Gürtel sah. Daher nannten die anderen sie auch den dicken und den dünnen Timmy. Mußte wohl ein Problem mit dem Stoffwechsel sein, denn beide aßen mit offenen Mündern rasant schaufelnd und lautstark schmatzend. Mit mildem Mißfallen betrachtete der letzte und älteste Bruder die zwei. Er hieß Jonathan und saß am Kopf der Tafel. Sein großer lila Hut strahlte eine Energie aus, die man in seinem Alter nicht mehr vermutet hätte, welche aber nötig war, um diesen Haufen Flöhe zur Räson zu bringen. Nachdem alle halbwegs mit dem Essen fertig waren, schob Jonathan seinen Schemmel zurück, stand auf und richtete das Wort an seine Brüder.

„Obacht ihr Flitzpiepen, jetzt ist mal Ruhe im Karton!“. Augenblicklich verstummte das Klimpern und Klappern und sechs Augenpaare schauten zum Ältesten hinüber. Nach kurzer Kunstpause, in der er die unübliche Stille genoß, setzte Jonathan mit fester Stimme fort: „Brüder, ihr wisst, daß wir, obgleich von kleiner Körperhöhe, größte Verantwortung tragen. Tagein, tagaus bekämpfen wir in den Stollen unserer Mine die Erzfeinde der Menschheit. Mangan, Eisen, Kohle, Gold und Platin. Selten hören wir Dank für unsere Mühen. Noch seltener Applaus. Dennoch schuften wir ohne Unterlass!“. „Genau! Nie Applaus!“, rief aufgeregt der orangene Svenbert dazwischen und hatte das schlanke Gänseblümchen von der Tischmitte im Augenwinkel. Unbeeindruckt sprach sein Bruder weiter: „Und während wir uns die schmalen Kreuze unter Tage wund ackern, zerfällt uns obenrum das Haus. Unser Heim. Die einzige Zuflucht. Seit Schneewittchen wieder fort ist und mit diesem Heiopei in Saus und Braus lebt, schimmelt uns hier die Hütte unterm Arsch weg. Keiner kann mehr die Fenster putzen, seit die letzte Leiter an Sproßenbrand verstorben ist und wie es auf den Bücherregalen aussieht will ich gar nicht wissen. Kurzum, wir brauchen Hilfe!“.

Der dünne Timmy hatte wie immer nicht richtig zugehört und fragte dummaufmerksam: „Also Schneewittchen kommt jetzt wieder, oder wie?“. Knurrend rammte ihm Ludwig den abgewetzten khaki Ellbogen in die Rippen. Er war sehr blödheitsavers und ohnehin noch verdrossen von den schrecklichen Erbsen. „Ich glaube, er meinte das anders“, flüsterte der schüchterne grüne Achim bald. Seine Worte kamen leise stotternd, irgendwie tröpfelnd, als ob ein Schluckauf Parkinson hätte. Die anderen hörten seine Stimme so selten, daß sie etwas erschraken. Als erster konnte der dicke Timmy seine Fassung wiedergewinnen. Er schob die gelbe Mütze aus der Stirn und fragte: „Willst du etwa eine Putzfrau einstellen, Jonathan?“. Noch bevor vom Kopf der Tafel eine Antwort kommen konnte, rief sichtlich besorgt Samuel dazwischen: „Aber das Kochen mache ich hier. Ich bin hier der Koch. Da muß keiner helfen. Höchstens mal die Karotten schälen oder zu Ostern ein Ei ausblasen. Ansonsten schaffe ich das alleine. Ehrenwort!“. Angesteckt von seiner Energie brach nun rund um den Tisch Gemurmel und Diskussion aus. Immer aufgeregter flogen die kleinen Köpfe von links nach rechts und riefen dann wieder quer über die Tellerchen hinweg. Plötzlich schepperte es aus der gegenüberliegenden Ecke und alle verstummten. Jonathan hatte mit der Faust auf den Tisch gehauen und seinen Teelöffel in der leeren Tasse tanzen lassen: „Ruhe! Gottverdammichnocheins! Hier kommt keine Putzfrau oder Haushälterin oder Köchin! Nachher ist aber das Vorstellungsgespräch.“ Und unter den verdutzten Blicken seiner sechs Brüder fügte er hinzu: „Wir bekommen einen achten Zwerg!“.

Eine halbe Tagesreise entfernt wurde zur gleichen Zeit schwungvoll die Tür einer kleinen Taverne aufgestoßen. „Nabend!“, rief der Neuankömmling etwas zu laut. Während ihn ein paar Blicke aus dem stickigen Innern der Kaschemme musterten, trat er mit zwei weiten Schritten an den Tresen heran. Krachend ließ er beide Handflächen auf das feuchte Holz fallen und lachte die Wirtin trocken an: „Auf keinem Bein kann man nicht stehen! Eine Molle mit Kompott bitte!“. Ungeduldig trommelte er mit den Fingerspitzen. “Immer mit der Ruhe.“, entgegnete die matronenhafte Wirtin, die aussah als könne sie unter ihren Armen mit Leichtigkeit zwei 50 Liter Fässer aus dem Keller heraufbugsieren ohne dabei ins Schwitzen zu geraten. Sie nahm zwei stumpfe Gläser, füllte in das eine Bier, in das andere einen selbstgebrannten Schnaps und stellte sie dem Fremden auf den Tresen. „Wohl bekomms!“, sprach sie emotionslos und verschmolz wieder mit der klebrigen Dunkelheit.

Der Gast kippte nickend erst den Schnaps und direkt danach das ganze Bier hinunter. Er atmete ein lautes „Ahhh!“ in die rauchgeschwängerte Luft und schob eine Silbermünze neben die leeren Gläser. „Hast es wohl eilig was? Willst du nicht einem anderen Reisenden ein kleines Rastbier ausgeben, mein Freund?“. Aus dem Halbschatten am Ende des Tresens hatte sich eine unförmige Gestalt geschält. Räkelhaft drapierte er sich auf einem der Hocker und versuchte den Fremden mit glasigem Blick zu fixieren. “ Wie meinen?“, sprach dieser und bereute schon in dieser Sekunde einen Schritt auf den Betrunkenen zu gemacht zu haben. Ihn umstand ein wohlriechendes Potpourri aus Zahnfäule, günstigem Aftershave und noch günstigerem Schnaps. Obendrein schien sich sogar eine gewitzte Nebennote von Achselschweiß dezent beizumengen. Während sich das Gesicht des Neuankömmlings vollkommen unschlüssig war, wie man bei der Widerwärtigkeit dieser Gerüche eigentlich aus der Wäsche schauen müsste, legte der Betrunkene noch einmal nach.

8Dwarves_3rd

Er schob seinen kahlen Kopf aus dem Schatten auf den Fremden zu und versuchte ihn bedeutungsschwanger anzuschauen. Da seine Augen aber aussahen wie Seegurken und die feinen Brauen darüber wie Eingeweidefische, die in ihrem Darm hausen möchten, verlief der Versuch eher bemitleidenswert. „Hast es ganz schön eilig.“, gluckste er, „Wohl auf dem Weg zu einer kessen Biene, was?“. „Mein guter Herr, ich glaube nicht, daß meine Privatangelegenheiten ihr Interesse verdient haben. Und selbst wenn ich Ihnen meine Motive und Absichten darzulegen gedächte, scheinen Sie mir kaum fähig die komplexe Natur meiner Reise zu verstehen.“ „Hä? Wat?“, entgegnete der Trunkenbold schlagfertig. „Sagen wir es einmal so: Ich bin dem Eindruck erlegen, daß sie zu doof wären Wasser aus einem Stiefel zu kippen, wenn die Anleitung auf dem Absatz stünde.“. Mit diesen Worten nickte er in Richtung der Dunkelheit, ungefähr dorthin wo die Wirtin zu vermuten war, drehte sich zur Tür und ließ den verdatterten Säufer sprachlos zurück. Die Zeit des Fremden war knapp. Zu knapp für solche Gestalten. Schließlich hatte er heute noch ein Vorstellungsgespräch.

Einige Stunden später brach im Haus im Walde geschäftige Betriebssamkeit aus. Vor der Tür war nämlich Hufgetrappel zu hören gewesen. „Er ist da. Er ist da. Er ist da!“, schrie der dünne Timmy. Seine Brüder hatten es indes natürlich selbst schon gehört und alle flitzten zur schiefen Tür. Sie strömten durch das kleine Portal hinaus und stellten sich, chaotisch wie eine Blumenwiese beim Gruppenfoto, nebeneinander auf. Alle sieben Augenpaare weiteten sich in Erstaunen und Bewunderung und sofort schien allen klar, daß dieser Bewerber der richtige sein musste. Als erster konnte sich Jonathan aus seiner Schockstarre befreien und er ging auf den Besucher zu. „Hallo. Schön, daß es geklappt hat. Ich bin Jonathan.“. Er zeigte auf seine Brüder: „Und das sind Samuel, Svenbert, Achim, Ludwig, Timmy und Timmy.“ „Angenehm.“, entgegnete der Fremde und nickte in die Runde. Jonathan drückte noch einmal sein Kreuz durch und fuhr fort: „Auf den allerersten Blick scheinst du schon mal überaus geeignet für den Job als achter Zwerg zu sein. Achso, wie heißt du eigentlich?“ Der Besucher setzte ein leichtes Grinsen auf und antwortete: „Ich bin Heinz. Heinz Achtzig.“ Und sein Name war Programm.

2 Comments

  1. Sehr schön geschrieben und gestaltet! Die Stelle mit dem Stiefelabsatz merke ich mir. Hat mir die Pause versüßt!

Schreibe einen Kommentar

Deine E-Mail-Adresse wird nicht veröffentlicht. Erforderliche Felder sind mit * markiert.