Das nächste Jahr

newyear2016

Im Badezimmer riecht es zwar, als hätte sich ein Schwarm Koalas dort übergeben, aber insgesamt scheint das Jahr zu einem recht vergnüglichen Ende zu finden. Wohl auch weil das Koalakotzekozentrat, großzügig auf der Brust verteilt und sorgsam ins Badewasser gegeben, die gröbsten Ausläufer einer Atemwegsdepression wegzuduften wußte. Inklusive Fieber und Kopfschmerz. Zugegebenermaßen war die generöse Medikation mit Schlaf wohl auch unterstützend wirksam. Aber nun kann der Endspurt mit freien Luftlöchern eingeleitet werden.

Rückblickend gesehen kam die kleine Jahresendgrippe kaum überraschend. Schließlich war für Mitte Dezember ein längeres Zusammentreffen mit dem Familiennachwuchs angesetzt. Nun muß man wissen, daß ich im Zusammenspiel mit diesen Mikromenschen zu einer Art medizinischer Kassandra mutiere. Ich liebe sie, aber sie machen mich krank. Also physisch. Praktisch jedesmal und auf Zuruf. Was natürlich nicht deren Schuld ist, da ich ja die Lücke in den Abwehrkräften aufweise, aber trotzdem unangenehm. Grundsätzlich wird wohl nur eine Art Hyposensibilisierung helfen. Mehr Kontakt zum Allergen. Zwei Fliegen mit einer Klappe.

Schließlich lernt man recht prächtig von den Halbhohen. Selbst wenn sie kaum sprechen können. Aber auch sonst. Wenn für Ausgewachsene gilt, daß man sie nach ihren Fragen und nicht ihren Antworten bewerten soll, dann kriegt das durchschnittliche Kind nämlich eine fette 10 auf der Wertungsskala. Warum ist der Himmel blau? Warum stinken Fische, wenn sie doch die ganze Zeit baden? Wie macht man Strom? Wie groß ist die Welt? Sind wir schon da? Warum? Alles recht prächtige Anfragen, welche auf einen aufgeweckten Geist und, in geringerem Maße, auf zuviel Freizeit schließen lassen. Im Grunde genommen wie beim Verfasser dieser Zeilen.

Zusätzlich muß man immer schmunzeln, wenn man in ihre lächelnden Gesichter blickt. Frei von Sorge und Leid. Voller Zuversicht und Vertrauen. Das färbt ab. Bald als ob man sich selbst im Spiegel anlächelt. So einfach und macht doch so glücklich. Kaum wird man in den nächsten Minuten an etwas Böses denken können. Zumal mein Spiegelbild oft auch noch aberwitzige Haartrachten zu bevorraten weiß. Da kann der eigentlich unspektakuläre Weg zum Klo, nur dem Umstand geschuldet, daß er am Badezimmerspiegel vorbeiführt, schon einmal zur großen Lachnummer, inklusive unterdrücktem Glucksen, werden. Belebende Momente der Sorglosigkeit. Wenn der Geist flattert und dies und das und jenes gleichzeitig denkt. Und dabei lacht. Bunt ist das Leben dann und angefüllt mit warmem Licht. Vergessen sind die Tage, die ebenso gut auf dem Mond des Gehirns hätten stattfinden können. Nur einseitige Beleuchtung und keine Atmosphäre.

Derlei ist nun vorbei. Jetzt hangele ich mich von Schnapsidee zu Fadenscheinigkeit. Von Blödsinn über Quatsch zu Schabernack. Jetzt ist bis Ende des Jahres jeden Tag Milzwoch. Ich bin da, aber inmitten des Getöses und Gegluckses, kennt mich keiner. Nun denke ich quer und schief und lese ganz viel Blödigkeit. Jetzt rüttle ich an Frauenhosen wie dereinst Gerhard Schröder am Kanzleramtszaun. „Ich will da rein!“, rufe ich und kassiere gleich ab. Backpfeifen im Sonderangebot. Eine zum Preis von drei. Kraftvoll vorgetragen. Das Ergebnis von Leidenschaft. Und dem ungefragten Rütteln an fremder Menschen Beinkleid. Sei es drum. Im schmelzenden Jahr nimmt die Laune noch einmal richtig Fahrt auf. Auch weil draußen schon Frühling ist und von Müdigkeit keine Spur. Man wartet bald, daß die Amsel losbellt und der Krokus Flagge zeigt. Derlei gereicht zu Übermut. Und Spaziergängen in kurzen Ärmeln. „Jaja, die Ärmel sind schon hochgekrempelt. Für´s neue Jahr, was?“, fragt die Nachbarin als hätte sie eine Anhnung. Hat sie aber gar nicht. Sie hat höchstens so eine Ballonmütze und einen „Bitte nicht schubsen“-Blick. Beides total unangebracht. Aber kaum verwunderlich.

Ohnehin wundert mich kaum noch etwas. Nun da ich dem Tode gerade noch einmal so von der Schippe gesprungen bin. Dank der Eukalyptuspower, die die Frau Mamma zur Verfügung stellte. Die kennt sich nämlich aus. Ich kenne mich meistens nicht mal selbst. Vor lauter lautem Firlefanz, der mich mental berankt. Gerüchte und Geschichten ranken sich um Hirnistan. Das Land direkt neben der hinteren Mongolei. Irgendwo zwischen Südusbekistan und Bottrop. Flackerndes Licht und halbseidene Gestalten. Wunder und Blitze an jeder Straßenecke. Manchmal kotzt ein Pelikan Regenbogenforellen auf unachtsame Passanten. Farbenfroher Willkommensgruß. Die Luft riecht nach Zimt und Eukalyptus. Muskulöse Schmetterlinge mit Schrumpfgenitalien durchstoßen sie. Manche Häuser haben ganze schräge Wände. Geneigte Ebenen. Man ist geneigt wohlwollend mit der Zunge zu schnalzen. Vielleicht sogar ein ganzes Lied zu frohlocken. „Sing Hallelujah“ von Dr. Alban unter Umständen. Weil sein Name zur Stimmung passt. Und ich laut singen will, bis ich nicht mehr weiß, wie ich juchheiße. So zwitschert es bei mir obenrum. Halt nicht mehr ganz alle Zähne am Schlüssel. Aber das ist der Schlüssel zum Glück. Also, alles in allem, so wie ich mir 2016 vorstelle.

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