Das Gefängnis

Gefangen hinter Gitterstäben aus Erinnerungen. Ein Käfig aus Zeit, aus Vergangenheit. Angekettet von Unfähigkeit und Unwillen zu vergessen. Gefoltert von den eigenen Gedanken und bohrenden Fragen. So fühlt sich das Leben an den dunklen, an den meisten, Tagen an.

Wenn ich plötzlich bewußt meine Hand schließe, die eben noch ganz unbeachtet neben mir baumelte, und mich entsinne, wie schön es war ihre Hand zu fassen. Wenn ich einen gewitzten Einfall habe und mir wieder klar wird, wie sie geschmunzelt, aber meine Ideen auch herausgefordert und verbessert hat. Wenn ich, immer noch und immer wieder, von ihr träume, ruckartig aufwache und die Dunkelheit neben mir im Bett doch leer vorfinde. Wenn mich hundert Kleinigkeiten jeden Tag an eine Geschichte erinnern, die sie erzählte. An ein gemeinsames Erlebnis denken lassen. Spüren lassen, was ich damals fühlte und dachte und sagte. Damals, als ich noch annahm unendlich zu sein.

Heute bin ich nur noch unendlich verloren. Schaue in die Weite des blassblauen Himmels, der keinen Anfang und kein Ende zu haben scheint, und bin hilflos, weil auch mir jeder Rahmen fehlt. Längst hätte das alles verarbeitet und erledigt und die Dinge wieder im Normalzustand sein müssen. Aber bei mir ist nichts normal. Bei mir ist irgendetwas grundlegendes zerbrochen. Hoffnung vielleicht. Oder Urvertrauen. Oder Optimismus. „Do not break“ habe ich mir mit den kleinen Plastiklettern auf die winzige Anzeigetafel geschrieben. Sollte wohl motivierend sein, klingt aber irgendwie nur noch wie Hohn. Schon als ich es mit Tränen in den Augen zusammenstückelte, war der Bruch längst durch meine Körpermitte, durch mein Herz in meinen Verstand, gewandert. War ich längst entzweit.

Sogar heute, da ich mir wieder eine passable Fassade zugelegt habe und der geneigte Mitmensch mich für geistig gesund und stabil halten wird, herrscht nur einen halben Millimeter dahinter doch kargste Wüstenei. Wohl weil ich mich ihr so sehr geöffnet hatte, dass der Riss kaum rasch genug zu schließen war, als sie enteilte, und ich so langsam und jämmerlich ausblutete. Vertrocknete. Wohl auch wegen mangelnder Erfahrung im Umgang mit derlei Herzensangelegenheiten. Weil ich stets übervorsichtig war und nichts riskiert habe. Weil ich immer abblockte, wenn es zu ernst wurde. Weil ich nie genug vertraute, um wirklich ich zu sein. Nur diesmal nicht. Diesmal schien alles perfekt. So unerwartet und rasant und im genauen richtigen Moment des Lebens. Alles passte. Alles war da. Sie war da. Die Richtige war da. Endlich.

Jede alte Angst schien bedeutungslos. Alle Vorsicht, alle Sorge umsonst. Mit aller Kraft warf ich mich ins Jetzt hinein. Und liebte und liebte und liebte. Liebte sie und alles um sie herum. Wuchs innerlich jeden Tag, da auch sie mich liebte. Da alles Glück war. Da nur ein rascher Blick in ihr Gesicht mich endlos berauschte und ein kleines Lächeln mein Herz in Kolibritakt versetzte. Wonnetrunkenen beschrieb ich dutzendfach ihre Schönheit und jedes Lachen und alles Wohlergehen, dass sie mir verhieß. Freudestrahlend erwachte ich stets und durchmaß die Tage an ihrer Seite. Losgelöst von irdischen Grenzen und Zwängen. Unendlich frei. Als wären wir zuvor nur die einzelnen Hälften eines transzendentalen Wesens gewesen, die gesenkten Hauptes dahinlebten, und hätten uns nun zu dem vereint, was wir schon immer hätten sein soll. Eine göttliche Kraft. Unaufhaltsam. Wunderschön. Endlos.

Bis das Ende kam. Unerwartet und rasch. Für meinen Verstand nicht zu begreifen. Für meine Vorstellungskraft nicht zu greifen. Auf gewisse Art bis heute. Sie sagte nicht viel und ich habe jedes einzelne Wort noch deutlich vor Augen. Obwohl ich im Schock war und in der eigentlichen Situation nur auf Autopilot lief. Aber das Unterbewusstsein hat aufgezeichnet. Und hält den Moment stets abspielbereit, selbst wenn ich nicht darum bitte. Alles hat es noch auf Lager, auch die vielen schönen Stunden, die mir heute soviel Schmerz bereiten und breitet sie vor mir aus, wenn nur der kleinste Anlass besteht. Wenn sich ein Geruch in meiner Nase verfängt, wenn ich bestimmte Worte lese, wenn ich an verschiedensten Orten vorbeigehe, wenn ich Zähne putze und ihre Bürste da noch steht, wenn ich Alexa bitte das Licht anzuschalten, wenn ich die Winterschuhe anziehe, wenn ich meinen Computer nach ihrem Vorbild ohne Maus benutze, wenn ich gewisse Schauspieler oder den Lego Batman sehe, wenn ich den Kaktus gieße, den sie auf ihrem Schreibtisch hatte und der immer noch bei mir lebt. Wenn ich auf dem Balkon bin, wenn ich Erdnußbutter esse, wenn ich bestimmte Bands höre, von denen ich weiß, dass sie sie mag, wenn ich zum hundertsten Mal denke, ich hätte sie zufällig gesehen und mein Herz mal wieder zu rasen beginnt.

Jeden Tag ist da dieses Vermissen. Dieser Schmerz. Dieses Gefängnis aus Erinnerungen. Ich bin der einzige Gefangene. Und Wärter zugleich. Ich passe auch auf, dass niemand das Gefängnis sieht. Irgendwann ging mein Schmerz nämlich allen auf die Nerven. Glaube ich. Weil niemand verstehen kann, warum er mich nicht verlässt. Weil niemand verstehen kann, dass ich mich verloren habe, als sie mich verließ. Vermutlich am allerwenigsten sie. Weil ich ihr nie etwas darüber sage. Irgendwie würde das ja auch nichts bringen, außer dass sie sich vielleicht auch mies fühlt. Und das möchte ich auf keinen Fall. Ich wünsche ihr Glück und Fröhlichkeit und Hoffnung. Farbenfrohe Tage und liebestolle Herzschläge. Eben alles, was ich mir irgendwie auch für mich wünsche. Irgendwann. Wenn die Gitterstäbe der Vergangenheit zu rosten beginnen.

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