Da ist etwas im Busch

outlawcorner was im busch

Ich liege einfach nur da und schaue der Dunkelheit in die Augen. Oder auf den Arsch. Kann man nicht genau sagen, ist nämlich zappenduster. Jedenfalls scheint es ihr zu gefallen, denn sie schmiegt sich fester an mich an. Alle meine Sinne lösen sich langsam in ihr auf. Das Unterbewußtsein übernimmt das Steuer. Geradewegs ins Traumland.

Am Eingang wartet ein Maulwurf, der auch schon bessere Tage gesehen hat. Also theoretisch. „Tach auch“, rumpelt es gelangweilt aus seinen dünnen Lippen, „ich bin hier der Zöllner. Bitte ausfüllen.“ Er reicht mir einen Bogen Papier herüber. „Willkommen im Traumland“ steht oben in bunten Buchstaben. Dann muß ergänzt werden. Name, Nationalität, Geburtstag. Alles kein Problem. Diese Daten sind ja seit jeher die gleichen und man hat sie schon als Kind eingehämmert bekommen. Genauso wie seine Adresse. Falls man mal bei Aldi zwischen den Nudelsorten verloren geht. Dann steht da „Beruf“. Hier zögere ich kurz.

Warum wollen die das denn wissen? Schreibt da manchmal einer „Sprengstoffingenieur mit terroristischen Ambitionen“ rauf? Egal, ich will den Zoll-Maulwurf beeindrucken und lege richtig los. „1. Regenbogenfarbenkontrolleur (irgendwann müssen die einen Fehler machen), 2. Sozialarbeiter für Waldgetier (außer Dachse, die sind hoffnungslos), 3. Modelcoach bei Alete Babybrei (warum nicht vom Besten lernen) und 4. professioneller Ausführer von Einreiseformalitäten.“ Da wird der Grenzbeamte aber Augen machen. Würde mich nicht wundern, wenn er mir mit staunendem, offenen Mund direkt eine Ehrenbürgerschaft anbietet. Mit sicherem Grinsen und durchgedrücktem Rücken reiche ich ihm das Papier zurück. Möge der Zauber beginnen. Der Zöllner murmelt nur etwas unverständliches und legt das Blatt auf einen großen Stapel, den ich vorher gar nicht gesehen hatte. Meine erwartungsfroh gebogenen Augenbrauen sacken gemeinsam mit den Mundwinkeln enttäuscht ab. Der Maulwurf geht einige Schritte nach rechts und beginnt an einer quietschenden, rostigen Kurbel zu drehen. Ächzend hebt sich eine Schranke. Sie ist wohl mehr symbolisch gemeint, da sie einfach irgendwo mitten auf dem freien Feld steht. Und nicht besonders hoch ist. Oder stabil. Oder lang. Also im Grunde ist sie noch ein Schranken-Azubi, mehr so eine Latte, aber jeder hat ja mal klein angefangen. Gemächlich gehe ich auf die andere Seite.

Schlagartig scheint das Gras grüner zu sein. Die Luft schmeckt nach Tortenguss. Also im Grunde nach gar nichts. Mit süßem Abgang. Auch die Wolken sehen zuckerwattig und flauschig aus. Als hätte jemand sie mit extra Weichspüler gewaschen. Beinahe ein wenig dekadent. Eine zittrige Serenade wimmert durch die Gegend. „Eigentlich ganz fetzig“, attestiere ich ihr laut eine gewisse Fetzigkeit und will ihr zum Ursprung folgen. Ich recke den Kopf und drehe die Ohren im Wind, um einige Noten aufzufangen. Katze müsste man sein. Mit rotierend montierten Lauschern. Oder Hase mit großen Löffeln. Bin ich aber nicht, daher muß ich das jetzt so auslöffeln. Ich lausche und entscheide mich für eine Richtung. Das Lied wird lauter. Und lauter. Bis zehn Schritte entfernt ein kindergartentürklinkenhoher Busch steht, aus dessen Geäst die Melodie zu strömen scheint. Wie Seifenblasen entweichen dem Blattwerk kleine Noten, bisweilen mit kecken Pferdeschwänzen, und zerplatzen kitzelnd etwa auf Höhe meiner Nase. Bevor ich noch dazwischen niese, schiebe ich die Äste mit beiden Händen auseinander, um der Musikanten angesichtig zu werden.

Drei sind es an der Zahl. Ein kleiner Elefant, ein ganz kleiner Blauwal und ein große Grille. Der Elefant schlägt sich was das Zeug hält auf die kleine Wampe und gibt so das Schlagzeug. Nebenbei trompetet er noch sanfte Jazztakte aus seinem Rüssel. Die Grille fiedelt auf ihren großen Hinterläufen die zweite Stimme. Mir fällt auf, daß sie irgendwie komisch grinst und recht ausladend schielt, aber das tut ihrer musikalischen Fußfertigkeit keinen Abbruch. Der winzige Blauwal ist der Sänger des Trios. Psychedelisch schalmeit er getragene Silben in den Äther. Ganz schwummerig wird einem vom Lauschen. Als ob die Gedanken von ihren Realitätsketten befreit sind, beginnen sie in der Rübe herum zu schweben. Stoßen manchmal aneinander und verbiegen sich gegenseitig zu Fragezeichen. „Was ist eigentlich der Unterschied zwischen einem Trio und einem Terzett?“. Mit allmählich weichender Zurechnungsfähigkeit prüfe ich das mal in diesem Internet, von dem mal soviel hört, und bin von der Antwort überrascht.

Die Musikanten spielen lauter auf. Oder breiter. Ich vermag es kaum noch zu unterscheiden, da mich ihre Melodie vollkommen eingelullt hat. Ich sinke langsam zum Boden, der nur noch aus Wolken zu bestehen scheint. Ich knie, sitze, liege. Und schaue in den Himmel. Jede neue Note entzündet einen Stern. Überall blinkt und blitzt es. Übervoll von silbernem Licht ist die pechschwarze Kuppel. Ekstatisch die Musik mittlerweile. Rasante Trommelschläge und fiepende Töne. Mein Herzschlag hat sich dem Rhythmus längst angepasst und pocht ungestüm mit. Wild hüpfen die Augen von aufblitzendem Stern zu aufblitzendem Stern, sind aber kaum in der Lage Schritt zu halten. Es werden mehr und mehr. Das Licht gleißend. Die Musik nur noch Dröhnen. Da gibt es einen Knall. Und alles ist still. Und alles ist dunkel.

Ich liege einfach nur da und schaue der Dunkelheit in die Augen. Oder auf den Arsch. Kann man nicht genau sagen, ist nämlich zappenduster. Jedenfalls scheint es ihr zu gefallen, denn sie schmiegt sich fester an mich an. Alle meine Sinne lösen sich langsam in ihr auf. Das Unterbewußtsein übernimmt das Steuer.

2 Comments

  1. Avatar

    ….Danke für die gefallende Seite und das schwebend-greif-und hörbar ausgewählte Dunkel im Raum des Netzes !:-)

    • Henman

      Danke für´s gefallen lassen. Feedback ist mir ohnehin immer willkommen, mehr noch, wenn es derart positiv ausfällt 🙂

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