Alles neu macht der Mai

Neuer Mai

Kaum suppt ein erstes sonnenorange in den graublauen Morgenhimmel, geht es wieder los. Aus allen Ecken und Enden finden sie sich ein und beginnen im munteren Durcheinander die Nacht zum Tag zu machen. Amsel, Drossel, Fink und Star. Vermutlich. Ganz sicher bin ich mir nämlich nicht. Eigentlich bin ich mir sogar gänzlich unsicher. Denn was hier an Luftakrobaten aus den Wipfeln schalmeit, zeigt meinen ornithologischen Kenntnissen auf schmerzhafte Weise ihre Grenzen auf. Hätte ich mal in der vierten Klasse besser aufgepasst.

Sicher, eine Sammlung pressgetrockneter Kreuzblütler könnte ich immer noch anlegen, aber feststellen wie sich die gefiederte Orchesterbesetzung zusammensetzt ist ein gänzlich anderes Terrain. Alle scheinen sie da zu sein. Kohlmeise, Blaumeise, Vollmeise. Einer lauter als der andere. Eine unübersichtliche Artenvielfalt tummelt sich im schmalen Grünstreifen hinter dem Haus. Zwei Dutzend Bäume, ein wenig Buschwerk, eine kleine verschlafene Lichtung. Ein Ökosystem auf etwa dreihundert Quadratmeter eingedampft. Jedwede Vogelart scheint hier beheimatet. Die großen grauen, die kleinen braunen, die mittleren weißen mit den blauen Schwungfedern. Genauer kann ich die Arten kaum bestimmen. Ich wüßte auch gar nicht wie. Ich kann mir nicht mal vorstellen, wie so ein professioneller Biologe in einem solchen Fall vorgeht.

Wahrscheinlich gibt es ja Bücher, Enzyklopädien sogar, mit vielen bunten Bildern und Details über Nahrungs- und Beischlafgewohneiten. Informationen über Brut und Zug und Nistpräferenzen. Aber wie willst du einen Vogel, der in Sekundenbruchteilen an dir vorbeisegelt, in so einem Buch finden? Wie willst du ihn anhand seines Gesanges identifizieren? Vielleicht gibt es ja eine App. Mit Gesichtserkennung. Oder Gefiedererkennung vielmehr. Wo dann aus Wikipedia noch rasch die Restinfos nachgeladen werden. Wie bei so einem Autoquartett. Schnapsdrossel. Flügelspannweite: 35 cm. Gewicht: 450 Gramm. Nahrung: eisgekühlter Bommerlunder. Falls nicht, müßte mal einer so eine App schreiben. Leider bin ich selbst gerade anderweitig beschäftigt. Auch wenn es mich wurmt, daß ich den wild durcheinander skandierenden Wurmfressern nicht ihre Geburtsurkundeninhalte vor den Bregen knallen kann. Und sei es auch nur, um mit ihnen in Interaktion treten zu können. Wenn man nämlich einfach so in die Runde meckert, fühlt sich keiner angesprochenen. Ein selbstbewußt ausgestoßenes: „Schnauze, du Eichelhäher!“, hat da schon einen ganz anderen Klang. Aber ich kann mich ja nicht um alles kümmern. Schließlich habe ich, wie erwähnt, gerade ganz andere Sorgen.

Seit einem Monat bewohne ich nun die neuen Räumlichkeiten und so richtig eingegroovt haben sich die Abläufe noch nicht. Zwar tragen mich meine Füße zielsicher zur richtigen Adresse, während ich gedankenversunken vor mich hin sinniere und dieses oder jenes kleine Detail am Wegesrand bestaune, aber damit hören die Automatismen auch schon auf. Das Ständerwerk, an dem ich die Rigipsplatten meines Alltags befestigen muß, ist noch etwas wackelig. Sicher auch, weil ich es aufgestellt habe. Handwerklich eher unterbegabt. Zwei linke Hände quasi. Was weniger schlimm wäre, würde ich Linkshänder sein. Bin ich aber nicht. Und so muß noch ordentlich nachverfugt werden, damit nicht aus allen Ritzen und Spalten das Licht der Ablenkung und Verwirrung wabert. Recht ungehalten kann ich nämlich werden, mich im inneren Dialog farbenfroh ausschimpfen gar, wenn hier doppelt und dreifach gelaufen werden muß, weil ineffektiv geplant wurde.

Eben jener Plan ist aber noch work in progress. Allein schon die Zigarettenpausen sinnvoll in den Ablauf zu integrieren stellt mich vor mittelgroße Herausforderungen. Wo sonst, praktisch in Bewegungslosigkeit, einfach der nächste Glimmstengel ins Freßbrett geschoben und entzündet wurde, muß nun sorgfältiger hantiert werden. Da ich jedes Mal zum Balkon eiern muß, bedarf es stets einiger Vorarbeit, um die Lunge erneut mit ihrer schützenden, tödlichen Teerschicht einzureiben. Allein den Entschluß zu fassen ist schon viel komplizierter. „Irgendwie könnte ich ja mal eine rauchen. Aber ich lungere gerade so schön. Mich jetzt mühselig hochwuchten und zum Balkon schleppen? Wie ist eigentlich das Wetter? Brauch´ ich ´ne Jacke, damit ich mir nicht ´ne Lungenentzündung einfange? Oder kann man das fünf Minuten aushalten? Wo sind eigentlich die Kippen? Das Feuerzeug? Ach, scheiß drauf. Ich bleib liegen.“.

Statistische Erhebungen einer repräsentativen Umfrage unter einem Deutschen zeigen daher auch, das mein Tabakkonsum um etwa 50% zurückgegangen ist. Aus bloßer Faulheit. Das ist gut für meine Gesundheit und meine Geldbörse, aber schlecht für den hungernden Tumor und die deutsche Wirtschaft. Aber irgendwas ist ja immer. Unter anderem, zum Beispiel, daß auch mein morgendlicher Ablauf seine strikten Bahnen verlassen hat. Wo einst munter auf Autopilot und praktisch nur mit dem vegetativen Nervensystem zwischen Kaffee und Frühstücksfernsehen und Emailkonsum ein Schwebezustand zu erreichen war, stolpere ich nun wie ein dreibeiniger Dachs auf einem Hochseil durch die anbrechenden Tage. Während ich links lese, was in der Nacht andernorts so vor sich ging, verpasse ich rechts die grafische Präsentation der zu erwartenden Wettervorkommnisse. Parka mit Pelzkragen oder Khaki-Shorts? Verwirrt stochere ich im Bekleidungssortiment. Diesen Wetterberichten vom Mobiltelefon traue ich nämlich nicht so recht. Viel zu unpersönlich und ohne blumige Umschreibungen der Gemütslage des neuesten Azorenhochs. Auch mein sonst makelloses Faktenwissen im Bereich des Trivialen leidet unter der neuerlichen räumlichen Trennung der zu verwendenden Gerätschaften. Ohne die „V.I.P.-News“ bin ich einfach nicht der selbe. Ein Smalltalkkrüppel, der nicht mal mit meteorologischen Highlights ein Gespräch zu eröffnen im Stande ist.

Ursächlich für diese kopflose Verwirrung wird sein, daß ich mit alten Pinseln ein neues Leben anstreichen will. Liebgewonnene Gewohnheiten in einem neuen Lebensraum aussetze, wo sie dämlicherweise kaum Nahrung, geschweige denn was zum pimpern, finden. Da greifen ruckzuck und ausnahmslos die Gesetzmäßigkeiten der Evolution. Wer sich nicht anpasst, stirbt aus. Und dabei wäre die Anpassung an sich kein Hexenwerk. Einfach mal den mobilen Computer benutzen, die Daten lungern ohnehin alle in der Cloud rum. Einfach mal die Kaffeemaschine am Vorabend bestücken und während ich erneut im Spiegel die Grausamkeit der Nacht bestaune, weht schon Koffeinduft durch´s Gebälk. Einfach mal die Socken in eine taktisch besser gelegene Schublade umsortieren, um unnötige, barfüßige Laufwege zu vermeiden. Einfach mal offen für Neuerungen und Wandel sein. Vielleicht zum Besseren. Einfach mal akzeptieren, daß Amsel, Drossel, Fink und Star da sind. Ach, alle Vögel, alle. Welch´ ein Singen, Musiziern, Pfeifen, Zwitschern, Tiriliern. Dann kann man nämlich auch mit der ersten Kippe des Tages, die dampfend aus dem lächelnden Mundwinkel hängt, die Schönheit in ihrer Kakaphonie erkennen. Kann sich schmunzelnd den Veränderungen hingeben und munter mitsummen. „Wir auch wollen lustig sein, lustig wie die Vögelein, hier und dort, feldaus, feldein, singen, springen, scherzen.“ Denn eigentlich ist alles gut, alles besser sogar, wenn deine größte Sorge sein kann mit welcher Hintergrundmelodie die Welt den glühenden Morgenhimmel versieht.

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