Positiv bleiben

positiv bleiben

In halber Nacht stehe ich und schaue den Birken beim Schlummern zu. Der anbrechende Morgen liegt wie ein glühendes Bolerojäckchen auf ihren Schultern. In meinem Kopf ist noch Sophokles. In gesammelten Werken lungert der auf dem Abort herum, um längere Aufenthalte erquicklicher zu gestalten. „Wer nicht mit Worten spart, sagt manches, was erfreut, wohl auch, was ärgert oder rührt, und bringt hierdurch den Schweigenden dazu, dass er sein Schweigen bricht.“, lässt er Antigone feststellen. Fast scheint es, als ob der neue Tag der literarischen Griechin zustimmen würde. Scheint, als ob er mir mit Luft und Duft und frischem Licht etwas zu sagen hätte. Ich breche also mein betretenes Schweigen, räuspere mich kurz und knalle der Welt ein etwas zu lautes „Moin“ vor den Bregen.

Die Welt reagiert mit totaler Apathie. Höchstens. Kein Wunder, hat sie doch auch besseres zu tun. Ich eigentlich auch. Die Uhr tickt. Kürzlich war erst wieder Geburtstag. Wieder mal zwölf Monate überlebt. Allmählich groove ich mich, glaube ich, ein. Ich kann das Älter werden auch recht gelassen betrachten, weil seine einzige Alternative wäre eben nicht mehr älter zu werden. Und das geht nach derzeitigem Stand der Forschung nur wenn man tot ist. Das ist jetzt ja auch keine Lösung.

Dennoch scheint es mir mittlerweile, als ob ich beginnen müsste in geologischen Zeiträumen zu denken. Im Vergleich zur Kontinentaldrift bin ich noch ein junger Hüpfer und habe kaum etwas bewegt. Bezogen auf das Wachstum des ein oder anderen Faltengebirges, könnte ich für mein Gesicht eigentlich eine Glättewarnung herausgeben. Famos. Als wolle ich den Naturgesetzen spotten. Wenn man das richtige Bezugssystem wählt, kann man den Auswirkungen des Alters also vollkommen gleichgültig gegenüber stehen. Emotionslos wie ein Vulkanier mit Asperger-Syndrom.

Das kann natürlich nicht immer gelingen. An manchen Tagen spürt man leider schon, dass der Flugrost sich durch das Gebälk fräst. Wenn die Gelenke quietschen und man mehr Dinge fallen lässt, als man eigentlich angehoben hat. Oder wenn einer sagt: „Ja, das ist wirklich ein gutes Bild von dir. Wie alt bist du noch mal? Photoshop Jahre?“. Wenn die Virilität sinkt und die Myopie steigt. Wenn man allmählich mehr gute Fragen, als einfache Antworten hat. Wenn die Zeit drängt und rennt und flieht und im Fluge vergeht. Wenn einem klar wird, dass, eher früher als später, der Ofen aus ist.

Glücklicherweise ist derlei Wehklagen nur selten nötig oder gar zu vernehmen. An den meisten Tagen bin ich ganz unverschämt gut gelaunt und lasse mir von den Widrigkeiten der Zeit nicht das Müsli verhageln. „Ich bin wie ein Lagerfeuer!“, rufe ich den Augenblicken zu. „Wenn ihr mir Stöcke zwischen die Beine werft, brenne ich nur heller!“. Dann überlegen die Augenblicke kurz, sind daraufhin demotiviert und versuchen lieber den Nächsten zu schikanieren. Weg des geringsten Widerstandes. Eigentlich ganz pfiffige Kerlchen. Und mir damit nicht unähnlich.

Schließlich habe ich, trotz meines betagten Alters, noch den messerscharfen Verstand eines Scherenschleifers. Neulich erst habe ich das perfekte Paar ersonnen. Ein Werwolf und ein Wermensch. Bei Vollmond werden die Rollen getauscht. Mikrodemokratie in Reinkultur. Als ob in meinem Kopf die Algorithmen nie Urlaub machten. Gleichwohl hat aber auch mein Verstand manchmal Heimweh. Will seine Heimat bei einer analogen Hälfte finden.

Diesbezüglich war mir das Glück nämlich noch nicht so hold, wie dem gerade genannten Wer-Paar. Eher ein Liebesleben wie ein Erdbeerhof. Mehr Körbe als man bräuchte. Damit verbunden kommt es natürlich auch zu Verzögerungen in der genetischen Hauptaufgabe. Mein Beitrag zur Arterhaltung? Bisher eher inexistent. An manchen Tagen auch kein Wunder, wenn man so sieht, was einem da aus dem Badezimmerspiegel entgegen lächelt. Frisur wie ein explodierter Koala. Kopfkissenfalten quer durchs rosig glühende Gesicht gestanzt. Der träge, kenntnislose Blick von einer weiten Stoppellandschaft unterstrichen.

Zum Glück wartet nebendran wieder Sophokles, der aufzumuntern weiß: „Ach, liebe Freunde, schafft mich Unheilsmenschen fort! Mir gilt der schwerste Fluch, der tiefste Götterhass, der jemals Menschen galt.“. In diesem Sinne. Positiv bleiben.

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