In Farbe träumen

farbtraum

Unerwartet scheint sich mein Bewußtsein etwas vom Körper zu lösen. Es schwebt über mir und schaut hinab. Eigentlich geht es mir echt spitzenmäßig. Eigentlich gibt es sicher Leute, die töten würden nur um nur meine Probleme zu haben. Eigentlich habe ich verdammt viel Glück. Eigentlich bin ich verdammt glücklich. Das Bewußtsein schwebt wieder hinunter und zeichnet ein mopsiges Lächeln auf mein Gesicht. Ich grinse in den Äther, griene in den warmen Nachmittag, ich schmunzele in die Welt und die Welt schmunzelt zurück.

Da ist sie wieder, meine lang vermisste Fröhlichkeit. Mit flinkem Pinselstrich zeichnet sie meine Gedanken. Gerade als ob man plötzlich wieder in Farbe träumen würde. Ganz unverhofft. Überraschend. Kraftvoll. Eine aufgeregte Freude macht sich breit. Als hätte die Schulglocke geläutet. Man vergisst dieses Gefühl zu schnell. Augenblick mal, vor anderthalb Momenten wusste ich doch noch wie sich das anfühlt. Aber jetzt wird nichts mehr vergessen. Jetzt wird die Euphorie festgehalten. In Sätzen und Skizzen. Jetzt spurte ich von Idee zu Geistesblitz und lese alles nach, was ich schon immer wissen wollte. Bin ein ganz ausgeleertes Gefäß, das mit Erkenntnisen gefüllt sein will. Zum Glück sehe ich im Halbdunkel, daß ich mehr Bücher besitze, als ich jemals essen kann. Ein Gutteil ungelesen. Bevorratung für kühle Tage. Oder Wissensdurst.

Immer wieder versucht ein Einfall unter der Peripherie durchzusegeln, aber hier gibt es kein Entkommen. Man muß mit den Synapsenphalangen die flüchtenden Ideen fangen. So rumpelt es obenrum, während ich weiter ermattet daliege und versuche mir darzulegen, warum ich hirnlos in den schwindenden Tag kichere. Den Horizont in der Horizontalen erweitern. Die Gedanken strecken sich infinitesimal darüber hinaus. Werden in der Unendlichkeit selbst zum Firmament und umgeben mich. Vorbei die Zeiten da man sich bald wie beim Schmuckstückschmied vorkam. Ganze Wortschätze wurden hier auf Goldwaagen gelegt. Da hätte das Ordnungsamt ruhig mal einschreiten können. Wegen mißbräuchlichen Gebrauchs von Quantifizierungsgerätschaften. Oder ist da das Eichamt zuständig? Jetzt auch piepegal, da nichts mehr justiziabel ist. Es wird nicht mehr schwarz und schwer gegrübelt. Das Leben als Urlaub vom Tod. Einfach reinrufen. Jetzt ist bunt.

Jetzt werden die Grenzen der Realität fortwährend neu definiert. Die Gedanken überschlagen sich beinahe, weil einjeder sich meldet. Die Hände und Lippen wissen gar nicht, wo sie zuerst zum Einsatze gelangen sollen. Längst Vergessenes bahnt sich den Weg. Vielleicht rufe ich dich mal an und sage dir, daß ich dich vermisse. Weil du so schön bist. Im Kopf. Aber auch außen. Dann lachen wir beide. Und ich sage, daß du nicht so eine Frau wie ein Bibliotheksbuch bist. Innen zwar oft voller interessanter Geschichten, aber außen schon durch viele Hände gegangen. Und wir lachen wieder. Oder ich mache etwas ganz anderes. Das Spiegelbild schlägt einen Reim vor, während es mich euphorisch anlacht. Voller Energie. Da kann ich nicht nein sagen. Wohl aber: „Da kommt aus dem Pomadentopf, der Kopf, an dessen Ende tropft, ein Zopf aus Haar und Haarprodukt, wenn da die Liebste wohl nicht guckt.“. Mein gläsernes Ebenbild ist baff. „Manche werden Ärzte und manche sind Patienten“, gibt es mir mit einem besorgten Augenzwinkern zu bedenken. Interessant. Das denke ich auch.

Nun ist die Türe weit geöffnet, für Schwachfug aller Arten. Die ausgeruhten Hirnarreale, die nur auf ihre Chance gewartet haben, feuern unter Vollast. Ich denke an den Spinnenmann, der nie zum Zuge kommt, weil alle Spinnenfrauen nur: „Ihhh, eine Spinne. Mach die mal weg. Nein nicht leben lassen. Staubsauger!“ rufen. Ich denke an das Essen, das so gut war, daß man sagen wollte: „Mein lieber Scholli, ich plautze gleich aus allen Nähten. Praktisch Kernschmelze im Zwölffingerdarm!“. Ich denke an die mittellosen, schlecht frisierten und mangelhaft gebildeten jungen Mutterschaftsanwärterinnen, die man so auf der Straße sieht. Nichts zu fressen, aber einen Braten in der Röhre. Ich denke, daß ich zuwenig Hendiadyoins verwende, obwohl die namentlich so gut zu mir passen. Ich denke, daß klipp und klar sein muß, das ich von nun an wieder nach Lust und Laune alle Stilfiguren meiner Wahl verwursten sollte. Ich denke daran, daß ich das Wort „Rechenfehler“ hörte und glaubte jemandem wäre beim Laubharken Hundekot in das Gerät geraten. Ich denke, daß man mir wohl kaum Eitelkeit vorwerfen kann. Schließlich würde Eitelkeit bei jemandem, der so schön ist, gar keinen Sinn machen. Ich denke, daß ein Streit toll wäre, an dessen Ende der Eine sagt: „Es tut mir leid Schnuckel.“ und die Andere antwortet: „Nichtsda! Du kannst mir mal den Schnuckel runterrutschen!“. Ich denke über Justitia nach, die soviel von ihrem Geliebten fordert: abrichten, anrichten, aufrichten, ausrichten, berichten, draufrichten, einrichten, emporrichten, entrichten, errichten, herrichten, hinrichten, unterrichten, verrichten, zurichten. Und ihren Geburtstag nicht vergessen. Ich denke und denke und denke. Alles gleichzeitig. Alles lächelnd.

Die Taue sind gekappt. Der Verstand schwebt. Er hat eine hohe Heliumstimme und versucht schief zu singen. Alle Ketten abgeworfen. Nur noch Interpretationsspielraum. Nur noch freie Assoziation. Nur noch Lachen. Nur noch Glück. Gerade als ob man plötzlich wieder in Farbe träumen würde.

One comment

  1. Ja, in Farbe träumen ist ne schöne „warme Mütze “ für den Kopf und das Herz hüpft, solch „Für Sorg“ an Leib und Wohl bisweilen erlebt zu haben und auch häufig am/im Leben zu Sein. DANKE! Den wunderbaren Beschreibung(en) und Dir ein schönes WE.

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