Herbstmorgen

herbstmorgen

Irgendwie genervt klopfen die Regentropfen ans Fenster. Das schwärzeste lila der Nacht ist bereits vorüber und man kann die endlosen Fäden, in denen sie zu Boden fallen, beinahe schon sehen. Ich sitze im Schneidersitz auf der Couch und lausche. Meine schwere Strickjacke, die ich erst zu dieser Jahreszeit hervorhole, umarmt mich. In beiden Händen halte ich die dampfende Kaffeetasse. Mein Blick ist noch schläfrig und ohne Fokus. Alles riecht nach Äpfeln. Bratäpfeln fast.

Die halbe Nacht lief der Dörrautomat noch und hat die Fruchtscheiben schwitzen lassen. Nun sind sie wie Apfelpapier und explodieren auf der Zunge mit konzentriertem Geschmack. Und alles riecht nach ihnen. Wie in einem Pfefferkuchenhaus, will man meinen. Oder einer Weihnachtsbäckerei. Oder dergleichen. Die Küche ist jetzt auch besonders warm. „Meine Güte“, dachte ich gerade, als ich mir den Kaffee einschenkte, „ganz gemütlich mit dieser Apfelwärme hier. Vielleicht heize ich jetzt immer mit dem Dörrer. Zwei Fliegen mit einer Klappe.“.

Die Idee huscht mir noch einmal durch den Kopf und ich grinse in den tiefschwarzen Spiegel meiner Tasse. In diesen frühen Stunden fühle ich mich manchmal vollständig. Vermutlich weil die Gedanken noch zu schläfrig sind, um Sorgen zu werden. Weil die Gefühle noch ein wenig träumen und nicht als Ängste spuken. Weil alles noch weich und dumpf und verschwommen ist. Innerer Frieden fast. Auch weil außen der Regen rumort und ich hier geschützt zwischen Apfel- und Kaffeeduft schmunzeln kann.

In diesen ersten Stunden eines neuen Tages scheint noch alles möglich zu sein. Kann die Welt noch aus den Angeln gehoben, können noch Berge versetzt und Unmögliches möglich gemacht werden. Obschon der Zeitplan längst steht und nicht groß anders ist, als in der vergangenen Woche. Aber vielleicht passiert ja etwas Unerwartetes. Unerwartet schön am Besten. Ich mag Überraschungen nämlich lieber, wenn sie mir das Herz weiten und mich schmunzeln lassen. Unter Umständen treffe ich jemanden, den ich sehr vermisse. Umarmungen, Gelächter, frohe weite Blicke inklusive. Möglicherweise habe ich beim Laufen einen gewitzten Einfall, den ich mir schnell skizzieren kann und später male oder beschreibe. Denkbar ist jetzt noch alles.

In diesen frühen Stunden habe ich früher schon oft mit meiner Strickjacke auf dem Sofa gesessen und noch etwas müde an meiner Tasse genippt. Meistens ohne Fruchtduft oder Regenklopfen. Immer wieder habe ich zur Uhr geschaut. Gleich müsste ich dich wecken. Leise und vorsichtig. Dein Frühstück stand hier schon. Jeden Morgen dasselbe, aber mit stets mit Liebe gemacht. Erdnussbutterbrötchen. Gleich würde ich auf Zehenspitzen ins Schlafzimmer schleichen, keine Sekunde Schlaf sollte dir durch unnötiges Gepoltere fehlen, und mich behutsam zu dir ins Bett legen. Ein wenig wärst du schon wach, man kann hier auch den Kaffee bereits riechen. Ich küsse dich trotzdem zärtlich auf den Hinterkopf und flüstere, dass es Zeit zum Aufstehen sei. Du murrst leise lächelnd. Ich verspreche dir Koffein und Erdnussbutter und du drehst dich verschlafen schmunzelnd um.

Diese Erinnerung hat sich in mir festgebrannt. Weil sie so schön ist. So groß, so echt, so wichtig. Dein Gesicht hat kleine Falten von den Kissen, viel zu viele bevölkerten das Bett, hast du immer gemeint. Deine Augen blinzeln vorsichtig in das neue alte Licht des frischen Tages. Deine Haare sind ein wildes Traummeer. Ungeordnet, ungestüm. Deine Stimme bricht bei den ersten Worten noch etwas, weil dein Hals trocken ist. Du bist ganz warm, glühst beinahe etwas. Glanz umsteht dich. Du duftest, wie ein Morgen duften muß. Verheißungsvoll. Aus Träumen geboren. Gemütlich und geborgen. Du bist unfassbar schön.

Ich schaue mit großen Blicken und sauge jedes Detail in Zeitlupe in mich auf. Wie sehr du mich liebst und mir vertraust. Hier zu liegen, ganz verletzlich und natürlich und ursprünglich. Wie die allererste und einzige Frau. Wie du grinst, weil du an meinem Blick sehen kannst, dass ich dich auch liebe. Weil du riechst, dass das Frühstück schon auf dich wartet. Wie du mich zu dir ziehst und mich küsst. Weil wir beide dasselbe denken und uns unendlich verbunden fühlen. Sicher und gehalten durch die Gegenwart des Anderen.

Daran muß ich in der Gegenwart, in diesen ersten Stunden, denken, in denen ich heute allein auf der Couch sitze. Das Bett nebenan ist leer und vermutlich längst kalt. Du schläfst bestimmt noch. Irgendwo. Mit kleinen Kissenfalten und wilden Haaren. Und siehst wunderschön dabei aus. Lächelnd lehne ich mich mit aufgeregtem Herzschlag zurück und schlürfe an meinem Kaffee. Das Tageslicht ist mittlerweile da und die Nacht hat scheinbar auch den Regen mit sich genommen. Jedenfalls trommelt es nicht mehr am Fenster. Aus der Küche umspielt mich der warme Apfelduft und verspricht einen entspannten Tag. Ich atme die Stille und denke an dich.

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