Dunkelblau

dunkelblau

Dieser Tage scheint jede Minute ein Menetekel. Als würde der Kontrabass im Soundtrack anschwellen, die Geigen zirpen. Unheilschwanger türmt sich Ungewissheit auf, beugt sich dunkel drohend über mich. Die Luft elektrisch angespannt, wie vor einem Gewitter. Kein Punkt an dem Auge oder Verstand sich festhalten können. Alles fließt und verschwimmt. Beinahe wie diese weichgezeichneten Instagramm-Leben. Nur nicht beige oder mocca oder taupe. Dieser Tage grollt dunkelblau.

Die Welt mutet wie aus Watte an. Bar jeder wirklichen Substanz. Die Stunden scheinen mir in konzentrischen Kreisen durch die Finger zu rinnen, als hätte man mich in einen See aus Zeit geworfen. Keine Auszeit möglich. Einem Herbstblatt gleich von den Winden und Stürmen umgarnt, besäuselt, liebkost. Mit letzter Kraft am Zweige klammernd. Irgendwann muß ich loslassen. Taumeln in die Unbestimmtheit, Ziel unklar. Alle Grenzen und Pläne sind in Auflösung begriffen. Alle Anker schmelzen. Ketten korrodieren. Die Kompassnadel dreht sich wild und rasant wie ein Derwisch. Ich suche meinen Weg.

Der Verstand kämpft und versucht sich einen Reim zu machen. Was fehlt? Was fürchte ich? Soll ich mich in Solipsismus flüchten? Alles nur Produkt meines hageren Geistes? Gleichwohl weiß die Psyche die Muskeln zu veröden. Fließt durch alle Knochen und lässt Kraftlosigkeit zurück. Antriebslosigkeit. Atrophie. Wie ein abstoßendes Blumenmeer erwächst Krankheit aus dieser Schwäche. Fiebrig wohne ich den Geschehnissen bei. Außerstande einzugreifen. Matt und schlapp. Entkräftet. Dennoch schlaflos, ohne Träume. Schwere, sinnlose Lider. Ein leerer, kurzsichtiger Blick in die Dunkelheit der einsamen Nacht.

Leise und unmerklich hat sich dieser Zweifel eingeschlichen. Eine ansonsten wundervolle Laune kontaminiert. Wallend raumfordernd wie ein Tintentropfen im Aquarium. Jeden Tag eine Viertelsekunde Asynchronität mehr. Veränderung, die mich verstört. Abweichung, die mir abstrus erscheint. Wandel, dem ich willenlos unterworfen bin. Vorbei der leichtfüßige Gazellentritt, mit dessen Sprung und Kapriolen ich die Wirklichkeit durchmaß. Bloßes Schlurfen ist verblieben. Von Hochspannung zu Kriechstrom. Leitungsschaden. Grund: unbekannt. Verloren und hilflos. Vorgeschmack wohl auf Senilität.

All die Fragezeichen lassen mich alt aussehen. Ich weiß nicht, was passiert. Was passieren wird. Bin verwirrt. Kann nicht mit dem Finger auf Ursächlichkeiten deuten. Alles scheint Bedeutung zu verlieren, während es ins Grau zerschmilzt. Motivationslos. Zerronnen. Einzig von den letzten Resten der alten Strukturen gestützt. Aufrecht gehalten. Ich weiß nicht was geschieht. Ich bin müde. Immer müde. Verloren und dunkelblau in einer Welt voller Farben und Leben und Kraft. Ich muß, ich will meinen Weg zurück finden. Ich weiß noch nicht wie, aber ich will, ich muß.

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