Die Verwandlung

Die Verwandlung

Ich muß wohl in der dritten oder vierten Klasse gewesen sein, als wir ein Buch über ein Mädchen lasen, welches sich verwandeln konnte. In einen Engel, ein Krokodil, Albert Einstein oder was ihr gerade so einfiel. Obschon die Geschichte eher flach dahinplätscherte, wie hunderte andere vor und nach ihr, habe ich sie dennoch bis heute nicht vergessen, weil ein kleines, pfiffiges Detail mich aufhören ließ. Wenn sich etwas verwandele, erläuterte die Lehrerin, in der Natur oder Mythologie, nenne man dies eine Metamorphose. Aus diesem Grund wären das Buch und seine Titelheldin auch entsprechend benannt: „Meta Morfoss“. Ein heute wie damals gewiefter Twist.

Ich erinnere mich genau, daß ich ob der Cleverness des Autoren schmunzeln musste. Man hatte sich als Dreipfandflaschenhoch ja vor der Enthüllung des Zusammenhanges nichts weiter bei dem merkwürdigen Namen gedacht. Und nun stellte sich heraus, daß er auf einem uralten griechischen Wort beruhte, welches landauf landab angewendet wurde, um Verwandlung und Umwandlung und Veränderung zu beschreiben. Erleuchtend. Kaum verwunderlich also, daß mir das Buch wieder in den Sinn kam, als ich kürzlich über die während meines Lebensweges stattgefundenen Metamorphosen nachgrübelte.

Wenig soll hier über die ersten Jahre geschrieben werden, die ohnehin zumeist nur die natürlichen Veränderungen beinhalteten. Längenwachstum, frechere Gegenrede, Milchzähne raus, Stimme tiefer, Haare am Sack. So weit, so unspektakulär in der Rückschau. Auch die Jahre danach, die vor Allem durch farbenfrohen Substanzmißbrauch gekennzeichnet waren, sollen nicht erneut Thema sein. Recht ausführlich habe ich während dieser Zeit ja selbst Buch geführt und veröffentlicht. Vielmehr geht es darum, die letzten etwa fünf Jahre grob auf Wandel abzuklopfen und zu prüfen, ob es mir gelingen kann meine kleine Anzahl an Erdenjahren sinnvoll zu dekorieren. Vor allem, da eine ganze Reihe von Ihnen schon sinnlos mit Quatsch mit Soße vertan wurde.

Ausgangspunkt all dieser grundlangweiligen Betrachtungen war, daß ich endlich einen Weg gefunden habe meinem dreidimensionalen Gestaltungswillen Ausdruck zu verleihen. Oft schon hatte es mich betrüblich gestimmt, daß sich eine bestimmte Idee kaum mit einer Zeichnung veranschaulichen ließ. Es fehlte stets Tiefe oder die Möglichkeit Objekte zu rotieren. „Bildhauer müßte man sein“, dachte ich dann. Einfach aus einem steinernen Quader die Gedanken herauslösen. Alles wegschlagen, das nicht dazugehört und fertig. Leichter gedacht als getan und vermutlich kaum mit meiner eher rudimentär ausgeprägt Handwerklichkeit vereinbar.

Näher am Spektrum meiner Fähigkeiten lag da schon der Versuch die gewünschten Gebilde einfach in einer Software nachzuformen. Nach einer gewissen Einarbeitungszeit, die der Komplexität des Unterfangens geschuldet war, gelang es dann auch ersten Hirngespinsten eine dritte Dimension abzuringen. Stolz und grinsend konnte ich meine Ideen nun drehen und wenden, wie es mir beliebte. Es zeigte sich jedoch, daß derartige Ideen in solch großen Intervallen auftauchten, daß ich zwischenzeitlich die nötigen Handgriffe verlernt hatte und jedes Mal halbneu beginnen mußte. Unbefriedigend und langwierig. Und das obwohl ich soviel Spaß am Modellieren hatte. Aus diesem Grund stimmte es mich auch besonders glücklich, als ich nicht nur einen weiteren Weg fand die Realität auch in der dritten Dimension zu bearbeiten, sondern gleichsam wieder an Meta Morfoss erinnert wurde.

Anstatt mit Dremel und Schleifpapier Konturen in einen Speckstein zu formen, forme ich mit Liegestütz und Klimmzug meinen eigenen Speck zu Stein. Beziehungsweise etwas ähnlich Hartem. Überraschend gering ist der Aufwand, wenn man beharrlich und diszipliniert ist. Überraschend aufmunternd die Ausbeute. Aber am wichtigsten ist eigentlich das Gefühl verlorene Zeit wieder aufzuholen. Verlorene Zeit auf dem Weg dahin die beste Version von mir selbst zu sein. Nachdem ich den schwierigen Pfad beschritten hatte den Alkohol und die Zigaretten zu überwinden, waren alle weiteren Wandlungen eher auf ein zurückholen des verlorenen Verstandes ausgerichtet. Soweit möglich. Wieder mehr lesen und mehr fragen und mehr lernen. Bekanntes mit Neuem verknüpfen. Schlüsse ziehen. Sich schlüssig werden. Immer aneignen und streben.

Beinahe hätte ich dabei die gute alte Regel vom „mens sana in corpore sano“, dem gesunden Geist im gesunden Körper, übersehen. Rauschfrei und viel, viel dünner zu sein ist schön und gut, bringt dich aber nicht über die Zeit. Außerdem schnaufst du dann trotzdem wenn es heißt einen Wasserkasten die Treppe hinauf zu wuchten. Langfristig besser scheint es schon, den ein oder anderen Muskel auszubilden. Metamorphose in 3D. Während ich also nach vielen Jahren wieder von Meta Morfoss las und dabei meinen Verstand optimierte, zitterte der Bizeps noch ein wenig nach, weil auch er selbst gerade optimierte worden war. Auf diese Weise nähere ich mich nun täglich meinem Ziel an die verschwendeten Jahre auszugleichen und jeden Tag als Möglichkeit zu begreifen besser zu sein als gestern. Nur für mich und meinen inneren Chor. Und weil ich es einen verdammt gewieften Twist finde.

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