Die schwarz-weiße Schöne

schwarzweisseschoene

Ich stehe auf dem Balkon und lasse mich vom Morgen in sein Pfirsichlicht tauchen. Ganz weich und rund und rot und gelb. Die Stille lädt dazu ein die Gedanken schweifen zu lassen und ich bin versunken in den Zeiten, die gewesen sind. Wenn man sein Glück in den einzelnen Momenten findet, vergisst man nämlich rasch, wie rasant diese wieder enteilen. Amüsanterweise hat es eines „Dick und Doof“-Films gebraucht, um mir dies zu vergegenwärtigen.

Auf 3sat wird heute ein Thementag veranstaltet, an dem anscheinend das gesamte Programm mit Western angefüllt ist. Da die richtig spannenden Schußwechsel und Skalpsammlungen wohl am Morgen noch nicht opportun sind, dürfen erst mal Dick und Doof ran. Die beiden sind in Texas unterwegs, um die Besitzurkunde einer riesigen Goldmine an die Tochter des verstorbenen Minenbesitzern zu überbringen. Im Saloon fragen sie nach dieser Tochter, Mary Roberts, und der Wirt wittert Morgenluft. Man erkennt als geübter Zuschauer sofort, dass mit diesem komischen Kauz etwas nicht stimmen kann, weil er nämlich ab und zu die vierte Wand durchbricht und direkt in die Kamera schaut. Ja, liebe Kinder, das wurde nicht erst bei Deadpool erfunden. Dennoch bleibt hier etwas unklar, ob es sich um humoristische Absicht handelt, oder man es damals einfach nicht besser wusste.

Jedenfalls wird rasch deutlich, dass der Barkeeper ein Haderlump ist. Er bittet Dick und Doof am Tresen zu warten, während er nach oben geht, um Mary Roberts schonend auf das Dahinscheiden des werten Herrn Pappa vorzubereiten. Flinken Schrittes und nicht ohne ein gepflegtes Slapstickstolpern hastet der Patron ins Obergeschoß und betritt ein prunkvoll eingerichtetes Zimmer. In dessen Mitte lungert auf dem Diwan eine passend prunkvolle Dame in einem Morgenmantel herum. Und während der Kneipier dieser nun erklärt, sie solle sich als Mary Roberts ausgeben, um Dick und Dings die Goldminenbesitzurkunde aus der Tasche zu lügen, betrachte ich längst ausgiebig ihre Gesichtszüge.

„Hallöchen!“, denkt es da in der Hypophyse, als mein Blick über die munteren Grautöne des schwarz-weißen Weibsbildes wandert. Während sie nämlich mit dem Whiskeypanscher den Plan postuliert, zeigt sich rasch, dass ihrer Mimik das genau richtige Verhältnis von Nasenbreite und Nasenform und Wangenknochenschwung innezuwohnen scheint. Ganz begeistert bin ich von dieser biologischen Komposition. „Hoffentlich hat diese Frau eine größere Rolle, damit ich sie mir noch etwas genauer ansehen kann“, grübelt es obenrum noch, während mittenrum bereits das Mobiltelefon gezückt wird. Flink die Internet Movie Database aufgerufen. Es müsste doch mit dem Teufel zugehen, wenn man nicht mehr herausfünde.

Schnell wird klar, die Gesichtsvollendete heißt Sharon Lynn und sieht auf den wenigen Photographien längst nicht so knorke aus wie in angeregter Rede und Gegenrede im Wild West Saloon. Vermutlich auch, weil die meisten Bilder, irgendwann zwischen ihrer Erstellung und jetzt, in ein Butterfaß gefallen zu sein scheinen und extra weichgezeichnet daherkommen. Da könnte keiner scharf aussehen. Dennoch wird die gute Sharon ja noch andere Rollen gegeben haben, denkt man, in denen ihre Gesichtvorzüge bestaunt werden können. Eine kleine Schwärmerei hat sich da bereits breit gemacht. Ich prüfe also die Listen und Angaben und Daten und Anmerkungen, als die Vergänglichkeit urplötzlich unerbittlich zuschlägt.

Natürlich hätte man aus dem Entstehungsjahr des Filmes, 1937, schließen können, dass ein Gutteil der Darsteller heute keiner aktiven Berufstätigkeit mehr nachgeht. Dass aber Sharon Lynn bereits 1963 auch die aktive Lebenstätigkeit eingestellt hat, kam dann doch etwas überraschend. Weitergerechnet heißt das nämlich, dass sie bereits beinahe zwanzig Jahre aus dem Leben geschieden war, als ich mich just entschied geboren zu werden. Irgendwie verbietet es sich damit die Darstellerin als attraktiv zu bewerten. Beziehungsweise nimmt die Wertschätzung ihrer Anmutung eher theoretische Züge an. Ungefähr so, wie man auch die Büste der Nofretete im Ägyptischen Museum als „Schmucke Biene“ bezeichnet, ohne jemals Gedanken an Beischlaf zu verschwenden. Die historische Distanz ist in letzterem Fall überdeutlich. Und hätte es womöglich auch im farblich eingeschränkten Westernschauspiel sein müssen.

So bleibt einzig zu hoffen, dass sich die makellose Merkmalskombination des Gesichts der Sharon Lynn als eine Art Atavismus auch einmal in einer zeitgenössischen Dame widerspiegelt. Und ich dieser gewahr werde, um meine Aufwartung zu machen. Bis dahin heißt es abwarten und die Mördergags der glitzernden Filmwelt von 1937 genießen. Markige Dialoge wie: „Ist mein Vater wirklich tot?“, „Das wollen wir hoffen, schließlich haben sie ihn ja vergraben“ und weitere Schenkelklopfer allerersten Ranges. Glücklicherweise liegt der Streifen in Gänze, und schlechter Auflösung, bei YouTube vor. Also bitte: Vorhang auf, Ton an, Film ab!

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