Die Qual der Wahl

Die Qual der Wahl

Ich schreibe jetzt einfach mal los. Sonst sitzen wir hier morgen noch. Seit einer halben Stunde grübele ich nämlich hin und her, was wohl Thema meines Traktats sein sollte. Obendrein ist auch die Form Bestandteil hirninterner Diskussionen. In Kombination tausende Möglichkeiten. Worüber also, auf welche Art, berichten?

Ein Gedicht über meinen Tagesablauf bot sich an. Also beinahe. Eigentlich hatte ich nur die ersten beiden Zeilen an einem vergangenen Morgen hastig notiert. Könnte aber mehr draus werden. Leider hat das Reimen meist einen erheblichen Kaffeekonsum zur Folge. Weil ich sinniere und Silben zähle und in der Großhirnrinde ständig „Maus, Haus, raus“ oder dergleichen murmle. Das ganze Koffein würde dann jedoch meinem geplanten Vormittagsschläfchen in die Quere kommen. Und da werde ich aber knatschig. Wenn man mir die Innenlidbetrachtung versagen will. Daher ist das Reimen nun ad acta gelegt. Anderes muß ergründet werden.

Weiterhin hatte sich in der vergangenen Zeit ein Themenkonvolut aus Intelligenz und Argumenten und Diskursen zusammen geballt. Ansichten zu Ansichten. Aussagen darüber, wie unterschiedlich Aussagen hinsichtlich ihrer Pfiffigkeit und Belastbarkeit bewertet werden. Von Menschen ungleichen Bildungshintergrundes, aber auch abweichender Diskussionskultur. Einlassungen zu Leuten mit einem recht adipösen Aufmerksamkeitsdefizitsyndrom. Sie werden missmutig, sobald die ihnen zugestandene Aufmerksamkeit defizitär wird. Angeber, Gernegroße, Bildungsprotze, Maulhelden, Poser, Wichtigtuer, Prahlhänse, Dicktuer. Anmerkungen aber auch zu jenen, die dieses Gaukelspiel nicht durchschauen und den substanzlosen Sprücheklopfern hinterher eilen. Schlußendlich habe ich mir aber auch diesen Vorschlag verweigert. Zuviel Ernsthaftigkeit und Wut am frühen Sonntagmorgen.

Dann dachte ich darüber nach wieder einmal etwas über die zwischenmenschliche Zweisamkeit zu verfassen. Ein Top-Thema durch alle Epochen und Kunstrichtungen. Man liest halt gern obenrum, was das Blut untenrum so veranstaltet. Feurige Liebesschwüre werden da auf das Tapet gebracht. Wild vergleichende Lobpreisungen der Physis der Auserkorenen fabriziert. Gesang und Tanz und wasweißich zur Huldigung der Holdesten ausgeklügelt. Schön ist das. Schön und gut. Nur halt kein Themenkomplex der durchgängig durchgekaut werden muß. Vom gleichen Autoren wohlgemerkt. Und da sich mir der Eindruck aufdrängt, ich hätte in letzter Zeit recht ausführlich darüber philosophiert, was mir das Blut in Wallung bringt und an den Herzwänden rumort, wäre es wahrscheinlich zuviel des Guten, auch in dieser Woche erneut dergestaltes zu verfassen.

Wiederum befindet sich die Vielfalt meiner Optionen also auf dem absteigenden Ast. Ein direkter Gegenentwurf zu meiner durchschnittlichen Laune. Welche sich damit vielleicht zur Grundlage eines Beitrages eignen könnte. Doch macht es Sinn anderen mein inneres Schmunzeln zu beschreiben? Die Welle der Fröhlichkeit, die mich erfasst, wenn ich in der kühlen Morgenluft allein die Gassen durchstreife? Das Grinsen zu schildern, welches mühelos mein Gesicht erklimmt, wenn dann auch noch ein beinahe vergessenes Lieblingslied aus den Kopfhörer zwitschert? Das Glück in Worte zu verfassen, das mich so sorglos und frei macht? Meine Stimmung konstant hoch und Missmut von mir abhält? Was wäre dadurch zu gewinnen?

Derjenige Leser, welcher selbst emotional gefestigt und guter Dinge ist, würde nichts Neues hören. Sein Leben würde durch meine Banalitäten kaum Änderung oder gar Verbesserung erfahren. Mit meinem seichten Geplätscher müsste er gar seine Zeit verschwenden. Derjenige Leser jedoch, dessen Leben gerade eine einzige Arschkarte ist, müsste sich verhohnepiepelt vorkommen. Als wolle ich ihn verballhornen. Durch den starken Kontrast zu meinem Gemütszustand den seinen noch zusätzlich beleidigen. Denn nur, weil ich konstatiere, dass das Leben ein lediglich leicht angetauter Flutschfinger ist, wird die Existenz des derzeit Gelackmeierten nicht amüsanter. Ich riskierte gar den ein oder anderen Mittelfinger präsentiert zu bekommen. Danke. Und zwar, nein, danke.

Abermals verabschiedet sich also das Motiv einer Meinungsäußerung. Bleibt nicht mehr viel über. Der Himmel ist blau, die Vögelein zwitschern gar lieblich. Meine Blümelein heben zu keimen an, der Apfelbaum schlägt aus. Das letzte Buch war  ein recht erklecklicher Spaß, das nächste wird sich diesem Vorbilde hoffentlich anschließen. Dieses Musical über Alexander Hamilton hat mich schon seit Wochen mit seinem raffiniert konstruierten Hip Hop Soundtrack in akustischer Gewalt. Das neue Paar Schuhe hat mir eine kleine Blase an der linken Ferse verpasst, deren Heilung ich durch wechselnde Pflaster in Tierform unterstütze. Jetzt klebt gerade ein grüner Delphin darauf. Mit manchem Menschen rede ich viel zu wenig, was mich betrüblich stimmt. Andere können mir gestohlen bleiben. Neulich habe ich vierzig Liegestütze fertig gebracht. Kürzlich habe ich meinem Spiegelbild mal wieder Zahnpasta ins Gesicht geprustet, weil mich ein Gedanke so überraschend ereilte und zum Lachen brachte. Manchmal bringt man nur die falschen Leute zum Lachen. Macht nichts. Manchmal schreibt man nämlich einfach drauf los, ohne ein Thema zu haben, und es wird trotzdem ein ganz passabler Text daraus. Manchmal ist es besser sich nicht starr an Themen und Konventionen zu halten, sondern einfach mal zu machen. Erfahrung und Kreativität werden das Kind schon schaukeln. In diesem Sinne freue ich mich diese kreative Aussprache erfahren haben zu dürfen. Bis die Tage.

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