Die andere innere Stimme

Brezel

Manchmal plappert man sinnlos vor sich hin und es ist nicht alles nur ein amüsantes Kauderwelsch. Bisweilen verbalisiert sich eine spontane Idee mit Potential. Entspinnt sich ein kleines Gedankenexperiment, aus dem mal eine Geschichte oder ein Bild oder beides werden kann. Glücklich ist der, der sich in solchen Momenten der Gegenwart eines Ohrenzeugen, abseits der inneren Identitäten, zu versichern weiß. Eines aufmerksamen und ausgefuchsten Anwesenden, der die Idee aus dem üblichen Wortsalat heraushebt und auf sie aufmerksam macht. Ich, für meinen Teil, denke und erzähle nämlich soviel Käse und Absurdes, daß leicht mal ein interessantes Schätzchen verloren gehen kann.

Früher haben wir das ständig gemacht. Den ganzen Tag halbsinnvolle Einfälle hin- und hergeworfen. Haben gelacht und frohlockt und die aberwitzigsten Gedanken immer weiter gesponnen. Bis die Ausgangsidee ganz unkenntlich war. Oft angefeuert von den Substanzen, die die Synapsen befeuerten. Uns alles ausgedacht von A bis Z. Und andersherum. Zauberländer, Luftschlösser und Ammenmärchen erdichtet. Beseelt taumelnd und treibend im eigenen Schwachsinn. Ausgelöst durch kleinste Konversationsfetzen in grinsende Glückseligkeit verfrachtet. „Karavelle“ sagt einer nur, oder „Kriechstrom“ oder „kratzbürstig sein“. Und schon rattern die Aktionspotentiale an den motorischen Endplatten und produzieren Schmunzelvisagen. Spontaneität und Kreativität, die den Geist jung halten und ganz wunderbar die Zeit vertreiben.

Selten sind diese Tage geworden. Weniger Widerparte gegeben. Diskussionen mit den eigenen inneren Stimmen sind immer ein wenig getürkt. Alle Opposition nur Fassade, da wir uns insgeheim obenrum alle einig sind und die gleichen Ideen mögen. Ein Hochschaukeln durch Fremdfakten ist da kaum möglich. Auch weil der eigene Erlebnishorizont die Grenzen des Blödfugs bestimmt und allen Persönlichkeiten gleich ist. Schön also, wenn man mal wieder gemeinsam dusselig ist. Drollig bis kurz vor der Einweisung. Was könnte man nicht alles denken können.

Was könnte man nicht alles erzählen. Von fliegenden Cordsofas; zwei Brüder vermutlich. Siggi und Frank. Der eine zinnoberrot, der andere royalblau mit zwei Brandlöchern. Stumme Sitzmöbel bei Tag, Rastplatz für Superhelden bei Nacht. Schließlich möchten Batman und Wolverine und Captain America ja bequem sitzen, wenn sie die Bösewichte ausspionieren oder sich von einem Kampf erholen. Was könnte man nicht alles erzählen. Von Frauen mit Gesichtern wie Briefmarken. Zum Abschlecken. Von Frauen mit soviel Kurven, das man keine Ecken findet. Was könnte man nicht alles erzählen. Von Männern, die aus Flugzeugen steigen und ausrufen: „Ahh, Mogadischu! Die romantischste Stadt der Welt!“ und so den allgemeinen Bildungsnotstand versinnbildlichen. Von Männern, die man nicht mal mit Bastelscheren rumlaufen lassen würde. Was könnte man nicht alles erzählen. Von neugierigen dicken Mädchen, denen man musternd sagt, dass sie offensichtlich alles essen könnten, aber nicht alles wissen. Von frechen und nicht minder dicken Jungen, die am Wegesrand in Büsche pinkeln und dabei einer unschuldigen Igelfamilie das Winterquartier besudeln. Was könnte man nicht alles erzählen. Von verbalen Hologrammen und waffenfähiger Syphilis und immanentem Ingrimm und was den Superschurken sonst noch so eigen ist, während sie mit stets überraschend ausgeruhten Helden wetteifern.

Zum Possenreißer, zur Plaudertasche, könnte man bald werden. Weil es sich so gut anfühlt Unfug zu verzapfen. Sorglos über Sinnlosigkeiten zu schwafeln. Einfältige Einfälle zu eruieren. Glanzvolle Geistesblüten zu gebären. Alliterationen aneinander zu reihen. Ab und an vielleicht sogar noch in zusätzlicher Keckheit einen Reim einzuwerfen. Hauptsache man erkennt, daß das Aushecken von Stumpfsinn wie ein Tischtennisspiel ist. Sicher, man kann die eine Hälfte der Platte hochklappen und langwierige Ausscheidungsturniere mit sich selbst veranstalten. Ein echtes Spiel kommt jedoch erst auf, wenn man einen Gegenpart hat. Der einem die Bälle zuspielt. Wortwörtlich.

Die gleiche Wellenlänge scheint hier wichtig und vermutlich sind Gehirnwellen gemeint. Oder Herzfrequenz. Oder notfalls Frisuren, auch wenn das noch nicht bestätigt ist. Der Hang zum Grotesken, Paradoxen und Verzückendem sollte gleichsam als einendes Element bestehen. Macken sind wichtig. Und Wortschätze. Und Hang zur Theatralik. Unerwartete Perspektiven und Blickwinkel. Empathie und raueste Mengen von Vorstellungskraft. Kreativität und Humor. Und schließlich das Wiederfinden all dieser Dinge im Anderen. Das Entdecken eines Teils des Selbst im anderen Ich. Wie eine weitere innere Stimme. Nur halt in einem anderen Kopf. Glück, scheint mir, ist wenn man diese Stimme findet. Und mit ihr im Duett amüsantes Kauderwelsch zu plappern weiß.

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