Der Schriftverkehr

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An manchen Tagen bin ich nur ein blaues Hakenpärchen, eine folgende Funkstille, eine Antwortlosigkeit, davon entfernt zu zerbrechen. All die Monate des Verlierens und Verlassen seins und Vermissens haben mich ausgehöhlt. All das Kämpfen und Probieren und Versuchen hat mich schwach zurückgelassen. Meine Erinnerungen an dich werden immer schwammiger. Dein Gesicht und deine Stimme zerrinnen in diesen Erinnerungen allmählich. Deine feinen Eigenheiten werden vage und ich kämpfe verzweifelt um die Bewahrung der Vergangenheit.

Denn bin ich auch unfähig deine Formen noch wahrzunehmen, spüre ich dich doch überall um mich herum. Jeden Tag erinnern mich hundert kleine Dinge an dich und lassen mich oft mit tiefem Durchatmen schlucken. Wenn meine Hände zu dieser Jahreszeit morgens auf dem Arbeitsweg ganz kalt werden und ich mich entsinne, wie du mich immer liebevoll geneckt hast, wenn ich dich zum Bahnhof gebracht hatte und dann auf dem Rückweg wegen der Eisfinger nicht auf deine Liebesbotschaften reagieren konnte. Ich denke an dich, wenn ich an der Säule vorbeilaufe, an der ich immer halb versteckt auf dich gewartet habe, als noch niemand wissen sollte, wie sehr wir uns mochten. Ich vermisse deinen Kopf auf meiner Brust, wenn ich die Game of Thrones Titelmelodie höre. Viel zu oft träume ich noch von dir und erwache orientierungslos und einsam, da deine Hälfte des Bettes immer noch leer auf dich wartet. Mir fehlt es auch unsagbar dir mal eben schreiben zu können, wenn mir etwas Lustiges widerfahren ist, es mir grundlos gut geht oder wenn ich einfach nur an dich denken muß. Und wenn ich mich doch getraue dir ein paar Worte zu schicken, ist dies irgendwie immer so planvoll und kalkuliert.

Manchmal wünschte ich du wüsstest, wieviel Zeit ich darauf verwende dir kurze Nachrichten zu senden. Wie ich hin- und herformuliere. Überlege was ich schreiben kann und darf. Plane zu welchem Zeitpunkt ich etwas schicken soll. Grübele wie lang meine letzte Nachricht her ist. Ab und an wünschte ich, du wüsstest wie oft ich mich selbst bremse und verbiege und nicht ich selbst bin und dir, entgegen meines inneren Antriebes, nicht schreibe. Weil ich dich nicht belästigen will. Weil ich weiß, dass ich irgendwann weiterziehen muß. Weil du schon längst weitergezogen bist. So oft verknotet mir diese Realisation den Magen. Kettet mich in Kummer.

Dabei ist das Alleinsein nicht einmal mein größter Schmerz. Mein größter Schmerz ist, dass du mich vom allerersten Tag an, scheinbar mühelos, zurücklassen konntest. Als hätte ich, hätten wir, hätte all das Glück, nie existiert, wäre es nicht wert erinnert und bewahrt zu werden. Du scheinst nie wehmütig zurück zu schauen, mich zu vermissen, an mich zu denken. Du scheinst keine hundert kleinen Dinge zu haben, die mich dir bittersüß ins Gedächtnis rufen. Du schreibst mir beinahe nie etwas und ich weiß nicht warum. Ich verzweifle fast beim Gedanken, dass ich dir so egal geworden bin. Nur ein kurzes Flackern auf dem Lebensweg, ein gescheiterter Versuch, etwas anders zu machen. Manchmal hoffe ich, dass du kaum Kontakt willst, weil du mich noch zu sehr magst und Abstand brauchst, da du dir selbst nicht vertraust. Fast so wie ich es mit Alkohol halte. Hilflose, kindliche Versuche das Unbegreifbare greifbar zu machen. Ich will nicht vergessen werden.

Ich will nicht denken müssen, wir hätten nie existiert. Was wir hatten war wunderbar und auch wenn das Leben uns, trotz endloser Liebe und aus mir immer noch unerklärlichen Gründen, auseinander trieb, möchte ich es doch ehren. Manchmal kann ich mich dann nicht mehr zurückhalten und schreibe dir doch. Damit auch du dich erinnerst. An mich denkst, so wie ich es ohne Unterlass tue.

Als Antwort viel zu oft nur die schmerzhaften blauen Häkchen. Nicht mal ein Emoticon als Gefühlsregung. Viel zu oft bricht dann wieder ein Stück meines Willens davon, weil ich keine Informationen habe und meine amoklaufende Phantasie sich sonstwas ersinnt. Verquere Ideen darüber was du machst und mit wem und warum. Sorgenvolle Gedanken, ob es dir gut geht, du genug isst und schläfst. Ob dich nicht Streitigkeiten aufzehren. Bedrückte Befürchtungen, dass du nicht genug lachst oder mit den falschen Leuten. Das deine Kreativität leidet. Das dein wunderschönes Herz in Missklang schlägt und nicht leuchtet. Ich drohe darüber zu zerbrechen. Zu zerbersten. Zu verwittern. Einzugehen. Die muntere Hülle hält ein Inneres zusammen, das viel zu oft in Auflösung begriffen ist. Ich begreife es nicht.

Auch da ich so gern, und irgendwie immer noch, mit aller Kraft und gemeinsam an den Problemen gearbeitet hätte, um mit dir zusammen zu sein. Als Stütze und Unterstützung. Als Anker und Berater und Clown zur Aufmunterung. Als Leuchtturm und Heimathafen und dennoch Stichwortgeber kreativen Unfugs. Nun quälen mich aller Tage nur Ungewissheiten. Ich weiß, dass, egal wie sehr ich es wünschte, wohl keine Chance mehr für uns als Liebende besteht. Selbst nach all diesen Monaten fühlt es sich trotzdem in höchstem Maße falsch an, dich allmählich auszublenden. Langsam zu vergessen. Stückweise in den Erinnerungen verschwimmen zu lassen. So viele Dinge, welche ich viele Jahre suchte, waren in dir zu finden. Das schönste Echo in eigenen Noten. So viel Wärme und Klugheit und Humor und klare Kante und Kraft und Lebenswille. So unendlich viel Liebe. Ich habe jetzt wieder Tränen in den Augen, wenn ich an all das denke. Tränen, die mich jetzt schon so lange begleiten und von denen ich dir nie erzähle. Indiz dafür, daß, trotz Kampf und Stärke, etwas in mir zerbrochen ist. Zeichen eines andauernden Schmerzes, von dem ich dir nie berichte. Damit du nicht denkst ich wäre verrückt und unfähig loszulassen. Damit wir vielleicht eine Chance haben Freunde zu sein und ich all das Schöne an dir, an uns, noch länger in meinem Leben haben kann. Damit du mich auf irgendeine Art und Weise weiter begleitest. Diese Hoffnung stützt mich, wenn der Schmerz wieder einmal unerträglich wird. Auch wenn alles verloren scheint, bleibt immer noch die Zukunft.

One comment

  1. Hallo Henmann,

    Schrift verkehrt
    ins Gegenteil?
    Weil die Seele noch nicht heil,
    ist es innen wendig
    mit einem Schwall von Gefühlen lebendig.

    Auszuwählen, was als Lettern zählt,
    ist eine Wahl, die manchmal auch liebevoll quält.
    So einige Dinge und Erfahrungen sind nicht abgeschlossen
    und Vorstellungen der Vergangenheit und Zukunft abgebrochen.

    Es bleibt ein Traum im leeren Raum,
    der sich oft füllt mit leichter Menge
    und heraustritt aus des Traumes Enge.

    Hineinfällt in Erfahrungstiefe.
    Oh, Du friedlich glückselige Liebe.

    Die sowohl mich, dich und andere kann erfassen,
    da man sie darf lassen.
    Doch, wie sag ich`s „meinem Kinde“?

    Dieses Sein ganz linde,
    möchte doch ausgedrückt sein, verständlich,
    da des Körpers Zeit ja endlich,
    Hier zu verweilen in Lettern an diesem Ort,
    denn, dann bin ich fort.

    Danke für die vorausgegangene Inspirationsquelle im Schriftverkehr. 🙂

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