Das Fünfer-Gebot

5er Gebot

Kürzlich las ich folgenden, motivierenden Satz: „Wenn eine Angelegenheit in fünf Jahren nicht mehr von Bedeutung sein wird, lohnt es sich heute nicht, länger als fünf Minuten über sie nachzudenken“. Ich fand den Ausspruch recht pfiffig, da man immer wieder über Kleinigkeiten nachdenkt und prüft und grübelt und seine Zeit damit verprasst. Dann begann ich jedoch über den vermeintlich so tiefsinnigen Satz nachzudenken und ihn zu prüfen und zu grübeln und musste seine Allgemeingültigkeit doch allmählich in Frage stellen.

Alsbald wurde mir nämlich klar, daß das fetzige Bonmot die Auswirkung von Entscheidungen auf die Zukunft unterschätzt. Der Schmetterlingseffekt lässt grüßen. Schließlich scheint es für mein Leben in fünf Jahren tatsächlich nicht interessant zu sein, ob ich das rote oder das weiße T-Shirt anziehe und ich sollte nicht lange darüber nachdenken. Allerdings ist es immer im Bereich des Möglichen, daß heute ein Ereignis auftritt, welches ein größerer Knotenpunkt im Zeitstrang ist und ihn in zwei gänzlich unterschiedliche, alternative Realitäten zerteilt.

Was wäre, zum Beispiel, wenn ich eine gewitzte und wunderschöne Frau treffen würde, der ich auf Anhieb höchstsympathisch bin. Wir lachen und scherzen, zwinkern vielleicht sogar hier und da, und beginnen bereits die Sätze des anderen zu vollenden. Es wäre nicht verwunderlich, wenn wir in fünf Jahren glücklichst verheiratet sind und statistische 1,3 Kinder um unsere Unterschenkel spurteten. Die Zukunft könnte so rosig sein, hätte ich nur das weiße T-Shirt ausgewählt.

Einzig habe ich mich entschieden das rote zu tragen. Die wunderschöne Frau sieht dies erst, als wir uns hinsetzen wollen und ich meine Jacke öffne. Ratzfatz wird ihr Unterbewußtsein mit Erinnerungen an ihren Ex-Freund geflutet. Dieser vermaledeite Galgenstrick hat ihr nämlich regelmäßig seine betrunkene Faustfertigkeit vorgetragen und dabei, eher häufiger als nicht, das verwaschene Trikot seiner Lieblingsmannschaft Rot-Weiss Essen getragen. Eindrücklich versuchen ihr nun ein paar Nebensynapsen den Eindruck zu vermitteln, auch ich wäre zu solcherlei Sympathiebekundungen hinzureißen. Besser wäre es wohl doch das Gespräch ohne mich fortzusetzen. Und sie verabschiedet sich schnell und unzeremoniell. Daß das weiße T-Shirts sie an ihren geliebten Opa erinnert hätte, der Zahnarzt war, ihr aber immer trotzdem eine Tüte „Werther´s Echte“ mitgebracht hat, werde ich nie erfahren.

Auf diese Weise hat eine scheinbar triviale Entscheidung eine Reihe von Ereignissen in Gang gesetzt, welche meine Leben in fünf Jahren in nicht unerheblichem Maße beeinflußen. Beginnt man sich erst einmal diese Verstrickungen aller Entscheidungen mit der Zukunft bewußt zu machen, kann man eigentlich nichts mehr als so irrelevant begreifen, das man nicht mindestens fünf Minuten darüber nachdenken müsste.

Lese ich jetzt dieses Buch, in dessen einer Szene detailliert und eindrücklich die Bergung eines Lawinenopfers beschrieben wird? Oder wähle ich ein anderes und weiß in fünf Jahren nicht zufällig an welcher Stelle der Schnee am Besten bei Seite zu räumen ist, was zum Tode eines Mannes führt. Nehme ich die angebotene Kostprobe an und erkenne bereits jetzt, das ich eine seltene Allergie gegen Heuschreckenfleisch habe? Oder stelle ich das Ganze erst entsetzt röchelnd fest, wenn in fünf Jahren praktisch keine anderen Lebensmittel mehr verfügbar sind.

Schreibe ich jetzt diese kleine, eigentlich inhaltslose, Nachricht, um dir zu zeigen, das ich ab und an sehr wohl an dich denke? Oder stelle ich in fünf Jahren entgeistert fest, daß du mich schon lange abgeschrieben hast, weil ich mich nie melde und du letztlich auch gar nicht mehr mit mir reden willst. Kaufe ich jetzt den bereits geschnittenen und gemixten Salat in der Tüte, weil ich zu faul bin selbst zu schnippeln? Oder bemerke ich in fünf Jahren, daß es wohl klüger gewesen wäre das Grünzeug selbst zu zerhacken, weil das in diesem Zuge gesparte Geld nun echt hilfreich dabei wäre mein, bei einem Wohnungsbrand verschmortes, Hab und Gut zu ersetzen.

Reise ich jetzt nach Australien um den Ayers Rock in der Morgenröte zu bestaunen und mich von der unfassbaren Schönheit der Natur bescheiden stimmen zu lassen? Oder bin ich in fünf Jahren ein selbstverliebter Großkotz, den es kaum weniger kümmern könnte, daß ein gerade erst entdeckter Stamm von Steinwürmern den Ayers Rock frühstückend in seine Einzelteile zerlegt. Stehe ich jetzt noch einmal auf  und verlasse das kuschelig warme Bett um mir die Zähne zu putzen? Oder wird mir in fünf Jahren auf einmal gewahr, daß man die Niedertracht von Karies und Plaque nicht mehr weiter beachten muß, wenn man ohnehin nur noch sieben funktionsfähige Zähne hat. Sechs oben, einen unten.

Es zeigt sich also, daß keine Entscheidung ohne Konsequenzen bleibt. Wenn man bereit ist bescheuert genug zu denken. Der Schmetterlingseffekt eben. Dennoch hat der eingangs genannte Satz natürlich seine Berechtigung. Auch und gerade für Menschen wie mich, die allzu viel grübeln und abschätzen. Die Wirkung mancher Entscheidung ist heute kaum zu ermessen, weshalb es auch nicht sinnvoll ist zu lange darüber zu brüten. Zieh das verdammte rote T-Shirt an und lebe damit. Wer weiß, ob du damit nicht einer Ehe entgehst, in deren sechstem Jahr deine ach so perfekte Ehefrau dich bescheißt und mit 1,3 statistischen Kindern und einer besonders fiesen Abart der Syphilis zurücklässt.

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