Agathe

Agathe

Agathe war ein mißmutiges Mädchen. Voller Ingrimm und Geringschätzigkeit. Schon beim Aufwachen war sie übellaunig. Wohl auch, weil man sie Agathe geheißen hatte. Kein anderes Kind, weder in der Schule, noch im Mikadoverein, hatte einen solch altmodischen Namen. Brian hießen die, und Chelsea oder Detmold. Namen mit dem Unterton von Freiheit und Möglichkeiten. “Agathe” dagegen klang als pinkle ein nierenkrankes Frettchen am Straßenrand auf eine rostige Fantadose. Fand Agathe. Unfassbar gewöhnlich und allerhöchstens mit dem Unterton von Verzweiflung und Selbstaufgabe. Kein Wunder also, daß sie genervt war.

Aber die mißlungene Nomenklatur war nur der Anfang. Ihre langen, fettigen, schwarzen Haare trug Agathe stets fein säuberlich ins Gesicht gebürstet. Auf diese Weise verbarg sie ihre Verbrechervisage hinter einem blickdichten Haarvorhang. Zwar war das Mädchen eigentlich recht hübsch und der ein oder andere Kernobstverkäufer hatte sich auch schon dieserart ihr gegenüber geäußert, aber sie teilte diese Einschätzung nicht. Agathe fand nicht, daß ihre Augenbrauen fein geschwungenen Seidensegeln ähnelten, vielmehr erkannte sie im Spiegel eher pummelige Raupen aus denen nach der Verpuppung allenfalls lumpenfressende Motten mit Geschmacksverirrung werden konnten. Auch die Auffassung, daß ihre Nase den feinen Schwung einer griechischen Statue verfleischlichte, teilte sie nicht. Agathe empfand es eher, als hätte ihr ein untalentierter Metzgermeister eine Grützwurst schief zwischen die Augen getackert.

Einig war man sich indes, daß ihre Mundwinkel in beinahe ungesunder Heftigkeit der Schwerkraft zu unterworfen sein schienen. Es wirkte fast, als wüssten ihre Lippen gar nicht, wie man sich zu einem Lächeln, oder wenigstens Anflug von Schmunzeln, verformte. Daher versteckte sie sich auch immer hinter ihrer schwarzen Maske aus Haaren und grummelte, so verborgen, ungesehen vor sich hin. Sie haderte mit dem Schicksal, das ihr so quälend mitgespielt hatte. Manche Menschen kamen blind zur Welt oder mit zwölf Zehen, Agathe fehlte die Fähigkeit für Fröhlichkeit. Sie stapfte und stampfte mehr, als das sie ging. Schlurfte bisweilen kraftlos wie ein Zombie über die Holzdielen des Flures zur Küche. Leise, beinahe im Äther versteckt, schien um sie herum stets ein melancholisches Klavierstück von Brahms zu simmern.

Nicht nur Agathe war mies gelaunt, auch die Luft um sie herum machte den Eindruck, als hätte sie eigentlich etwas besseres vor, wäre aber aufgrund einer unbeabsichtigten vertraglichen Verpflichtung, quasi gegen ihren Willen, hier. Eine Aura von unterdrückter Wut, von köchelndem Unbehagen umstand Agathe. Wenn sie sprach klang es schnippisch und abgehackt. Ihr Ausdruck war dennoch so gleichförmig, daß jeder Satz gleichwohl eine Frage oder eine Aussage sein konnte. Selbst wenn man sie schon eine Weile kannte, war es kaum möglich irgendwelchen genauen Subtext oder Anspielungen oder gar Sarkasmus in ihren Worten zu identifizieren.

Bei Agathe war alles Subtext. Subtext und Aggressivität. Wunderbare Wörter wie “Zuckerwatte” oder “Quetschkommode” oder sogar “Blut-Hirn-Schranke” klangen wie Peitschenhiebe mit neunschwänzigen Katzen, wenn Agathe sie einem vor die Füße spuckte. Glücklicherweise befleißigte sich das Mädchen einer eher eingeschränkten Gesprächigkeit. Sie empfand es als Verschwendung den mühsam eingeatmeten Sauerstoff dafür zu verwenden irgendwelchen Nichtsblickern und Flachpfeifen ihre Ansichten darzulegen. Meistens zog sie wortlose Konversationen vor. Ein genervtes Schnaufen vielleicht oder ein abschätziges Grunzen. Was man halt so brauchte, um den Gegner beim Mikado psychologisch in die Zittrigkeit zu entführen.

Agathe hingegen konnte in diesen Minuten ihre Wut gut im Zaume halten und verfiel vielmehr in eine Art katatonische Starre, die mit ihrem engen Bewegungsspielraum beinahe einem Industrieroboter aus der Fließbandfertigung glich. Furiose Fingerfertigkeit. Und unendlich aufschäumender Vernichtungswille, wenn sich eines der Stäbchen entschied mit dem Hintern zu wackeln. Da flogen schon mal die Fäuste und in Folge alle Mikadostäbe in hohem Bogen wild vom Tisch. Mit Agathe Mikado zu spielen konnte mithin den Nervenkitzel einer Partie russischen Roulettes haben. Mit sechs Kugeln in den sechs Kammern des Revolvers.

Trotz allem, trotz Wut und Mißmut und Depression, hatte Agathe ihren Platz in der Welt. Sie war anders, sicher, aber sie war nicht überflüssig. Sie war die andere Seite der Medaille. Das Ying, oder das Yang, je nachdem. Sie war wichtig und richtig als Ventil. Als Ausdruck einer abweichenden Sichtweise. Als eindrückliches Beispiel dafür, daß das Leben zwar jeden Morgen aufs Neue ein Wunder unbegreiflichen Ausmaßes ist, dessen Ursprung und Walten ein simpler Menschengeist nie erfassen werden können wird, aber, daß dieses Wunder auch einen Preis hat. Wenn alle immer fröhlich wären, wäre die Fröhlichkeit wertlos. Wenn alle gleich wären, würden alle gleich stagnieren. Erst der Kontrast und die Vielschichtigkeit, die Nuancen und Unterschiede, machen alle einzigartig. Und ein Verständnis dieses Umstandes ist die einzige Art, mit der man Agathe begegnen darf. Auch wenn sie wirkt wie ein Glas saure Gurken, das sich mit Essig shampooniert hat, ist ihre schwarze Übellaunigkeit doch Ursprung und Zweck allen farbenfrohen Glücks. Und daher ist mir Agathe, hin und wieder zumindest, auch herzlich willkommen.

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